Tag 1290: Unsere Erfahrungen mit dem West Highland Way

08.07.2017

Es klang nach einem ganz hervorragenden Plan, als wir das erste Mal davon hörten: Genau in Milngavie, dem Ort, in dem Shania ihre Heimreise antreten sollte, beginnt ein Fernwanderweg, der mitten durch die Highlands hinauf in den Norden führt. Das war doch wie für uns geschaffen! Insbesondere, da dieses Schottland nach allem was wir bislang herausfinden konnten, ansonsten nahezu unbereisbar war. Es mochte vielleicht stimmen, dass der Norden Schottlands nur noch 3% der Einwohner von ganz England beherbergte, doch das bedeutete leider nicht, dass hier auch nur 3% der üblichen Autos fahren. Denn dafür hat man hier ein ganz prächtiges System erschaffen, das dafür sorgt, dass man auch ohne eine Bevölkerung überall Autolärm haben kann. Je einsamer die Gegenden werden, desto weniger Straßen existieren, so dass man das Fahrzeugaufkommen stets konstant hoch halten kann. Und mit wenig existierenden Straßen meine ich, dass es in den Highlands nahezu nur Hauptstraßen gibt, von denen uns sogar Einheimischen der Meinung sind, dass man sich nicht in ihrer Nähe aufhalten sollte. Nahezu alle Nebenstraßen und Feldwege, die es hier noch gibt, enden irgendwo mitten in einem Tal und helfen somit nicht im geringsten weiter. Der West Highland Way schien also die perfekte Alternative zu sein, um doch noch einigermaßen human durch die Highlands wandern zu können.

Der südliche Teil des West-Highland-Ways.

Der südliche Teil des West-Highland-Ways.

Leider waren wir nicht die einzigen, die auf diese Idee kamen. Tatsächlich ist der West Highland Way sogar der beliebteste und berühmteste Wanderweg in Schottland. Er ist so berühmt, dass es hier in etwa so zu geht, wie auf dem Hauptjakobsweg in Spanien. Die Pilger wandern hier im Abstand von rund 60 Metern. Nachdem wir nun auf 3 Monate in Großbritannien insgesamt drei andere Wanderer getroffen haben, starrten wir nun nur noch auf Rucksäcke und Wanderschuhe.

Wanderer treffen sich auf dem beliebtesten Fernwanderweg in Schottland

Wanderer treffen sich auf dem beliebtesten Fernwanderweg in Schottland

Es dauerte keine zehn Meter, bis die Überzeugung in uns wuchs, dass dies für uns definitiv der falsche Ort war. Nicht das wir etwas gegen die Menschen hatten, aber wir spürten deutlich, dass es längst nicht mehr unsere Welt war. Jeder, der an uns vorbeiwanderte oder den wir überholten, befand sich hier, weil er eine Woche lang aus seinem Alltagsleben ausbrechen wollte. Da waren die jugendlichen Partytrupps, die aufbrachen um gemeinsam mit den Kumpels und einem Rucksack voller Bier ein Abenteuer zu erleben, das sie zu echten Männern und wahren Helden machen würde. Dann waren da die Business-Leute, die den Stress aus sich herauslaufen und für ein paar Tage herunterkommen wollten. Dann gab es die Romantiker, die gemeinsam mit ihrem Partner aufgebrochen waren, um in trauter Zweisamkeit durch die schottischen Berge zu wandern. Und schließlich waren da natürlich noch die Partner-Suchenden, die aufgebrochen waren, um unterwegs Gleichgesinnte zu treffen, mit denen Sie ein Leben oder zumindest erst einmal ein Bett teilen konnten. Hinzu kamen junge Abenteurer, die hier ihre erste große Outdoorreise unternahmen. Letztere waren so ziemlich die einzigen, die ihr Gepäck am Körper trugen und nicht mit dem offiziellen Liferservice in die nächste Pension schicken ließen. Ihre Rucksäcke zu sehen, erinnerte uns an unsere eigenen Anfänge und daran, wie lange es dauert, um erst einmal ein Gefühl dafür zu bekommen, was man unterwegs braucht und wie man es verstauen muss, damit man nicht bereits nach den ersten zehn Metern die Lust verliert. Mit all den herumbaumelnden Wasserflaschen und Ersatzschuhen, den Umständlich festgeschnallten Isomatten, Erste Hilfe Sets, Jacken und Schlafsäcken, die aufgrund von Platzmangel außen auf den Rucksack gebunden wurden, gaben sie durchaus ein recht lustiges und sympathisches Bild ab.

Unterwegs auf dem Westhighland Way

Unterwegs auf dem Westhighland Way

All diese Leute waren jedoch mit einer ganz anderen Motivation und Stimmung unterwegs, als wir. Sie waren hier um Geselligkeit zu finden, wollten sich unterhalten, wollten feiern, die ablenken, die Zeit vertreiben. Wir hingegen wollten nach den letzten doch sehr vollen Tagen vor allem unsere Ruhe. Wir wollten keine Smalltalkgespräche führen und keine flüchtigen Bekanntschaften machen und dies steckte so sehr in uns drin, dass wir sogar automatisch zu flüstern begannen, wenn wir merkten, dass Deutsche in der Nähe waren, um bloß keinen Grund für einen Gesprächseinstieg zu liefern.

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Der Weg selbst erinnerte uns ebenfalls sehr stark an den Jakobsweg mit allen Vor- und Nachteilen. Er verlief zunächst abseits der Straße und folgte einer ehemaligen Bahnlinie. Das hätte er auf den ersten Kilometern durchgehend tun können, aber dann wäre er kein richtiger Fernwanderweg gewesen. Ein echter Fernwanderweg führt nicht einfach geradeaus, so dass man bequem und angenehm auf ihm laufen kann. Er nimmt jeden Hügel, jeden Aussichtspunkt, jedes Tal und jeden unnötigen Schlenker mit, damit man das Gefühl bekommt, dass die Wanderung auch wirklich ein Abenteuer ist. Aus dem gleichen Grund darf auch der Bodenbelag nicht zu gut sein. Wo käme man da hin, wenn ein Weg eine Decke hätte, die für Wanderer und Radfahrer wirklich angenehm ist? Nein, es muss poltern, Steinig und ungemütlich sein, damit es den Anschein macht, als befände man sich wirklich in der Wildnis und nicht 300m von der nächsten Straße entfernt. Auf der anderen Seite hält das aber niemanden davon ab, den Weg links und rechts mit Zäunen einzufassen, damit auch ja kein Pilger irgendwo auf einen Privatgrund treten könnte. Am Ende würde noch jemand ein Picknick an einem Platz machen, an dem es nicht vorgesehen ist! Oder noch schlimmer: Er würde irgendwo sein Zelt aufbauen, wo niemand dran verdienen kann. Die Plätze, an denen dies möglich war, waren äußerst begrenzt und beliefen sich hauptsächlich auf einige Buchten neben dem Weg. Tatsächlich machte es den Eindruck, als würden die Wanderer hier in all ihren Handlungen von vorne bis hinten geleitet und gesteuert. Heiko erinnerte sich an seine Zeit im Nationalpark Bayrischer Wald, in der es einmal genau um dieses Thema gegangen war. Er hatte an einer Planungssitzung teilgenommen, bei der besprochen wurde, wie die Touristen durch den Park geleitet werden sollten. Es wurde alles festgelegt, angefangen bei der Wegführung, bis hin zu dem Eindruck den ein Mensch von seinem Ausflug mit nach Hause nahm. Es war erschreckend, was in diesem Bereich alles möglich war. Wenn man es geschickt anging, konnte man damit nicht nur bestimmen, was ein Mensch sehen und hören konnte, sondern auch welche Schlüsse er daraus ziehen und mit welcher Meinung er am Ende gehen würde. Von seinem Kaufverhalten einmal ganz zu schweigen.

lonely hutt in Schottland.

Eine einsame Hütte entlang des Wanderweges.

Auch hier war es nicht anders. Wer diesen Weg ging, bekam ein Bild von Schottland vermittelt, das nichts mit dem Schottland zu tun hatte, das wir bislang kennengelernt hatten. Alles wirkte ein bisschen so, als hätte man eine Fassade links und rechts des Weges aufgebaut, die den Blick auf die wahre Natur des Landes verbergen sollte. Zumindest, was die ersten fünf oder sechs Kilometer anbelangte. Dann kamen wir in einen offeneren Bereich, der tatsächlich zu den schönsten Ecken des Landes zählte, den wir je gesehen hatten. Auf einer Hügelkuppe machten wir ein Picknick und beobachteten den Touristenstrom, der an uns vorüber zog aus sicherer Entfernung. Dann wandelte sich das Bild erneut und unser Weg führte den Großteil der übrigen Tagesetappe an einer Hauptstraße entlang. Ausgebaut oder gepflegt war er nun überhaupt nicht mehr. Teilweise bestand er aus nicht mehr als einem schmalen Trampelpfad inmitten von übermannshohen Herkulesstauden. Ich weiß nicht ob ihr die Pflanze kennt, die auch Riesenbärenklau genannt wird, aber sie ist hoch giftig und löst bei Hautkontakt Verbrennungen aus. Als Wanderwegbegrünung ist sie daher eher suboptimal.

Ein Blick über die Steppe und die schönsten Seen Schottlands

Ein Blick über die Steppe und die schönsten Seen Schottlands.

Langsam kam in uns die Frage auf, warum hier überhaupt jemand wanderte. Klar, der Weg war für hiesige Verhältnisse nicht schlecht gelegt, aber er war auch überhaupt nichts besonderes. Im Endeffekt wanderte man zwischen Zäunen und Hügeln umher, wie man es auf jedem Weg auf dieser Insel machte. Warum diese so berühmt geworden war, war uns ein Rätsel. Vielleicht wegen der vielen Pubs, Bars und Destillerien, die sich immer wieder in der Nähe befanden und einem die Möglichkeit gaben direkt neben der Hauptstraße einen Kaffee oder ein Bier zu trinken, bzw. einen Whisky zu kosten.

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Alles, was wir auf dem Weg erlebten, war jedoch nichts im Vergleich zu dem, was uns erwartete, als wir Dryman, das Etappenziel erreichten. Ich sag nur eins: Fatima war ein Dreck dagegen!

Oldtimer sind in Schottland keine Seltenheit.

Oldtimer sind in Schottland keine Seltenheit.

Die Stadt, oder besser das Dorf hatte vielleicht 300 Einwohner, beherbergte aber weit mehr als das doppelte an Touristen, die sich alle auf einem einzigen, zentralen Platz tummelten. Egal wohin man sah, blickte man auf einen Pub, ein Hotel oder ein Restaurant. Und aus irgendeinem Grund herrschte hier ein Verkehrsaufkommen, dass mit dem Triumpfbogen in Paris konkurrieren konnte.

Wir fühlten uns wie zwei Ameisen, die aus versehen in einen Termitenhügel geraten waren.

Der Pfarrer in dessen Gemeindehaus wir letzte Nacht geschlafen hatten, hatte uns einen Kontakt zu einer Dame der hiesigen Kirche vermittelt, mit der wir bereits am Morgen telefoniert hatten. Die Kirche selbst und die dazugehörigen Räume standen uns hier aus „versicherungstechnischen“ Gründen leider nicht zur Verfügung. Auf der einen Seite konnten wir dies sogar ein bisschen nachvollziehen, wenn man bedachte, wie viel Partyvolk hier unterwegs war. Auf der anderen Seite war es aber auch schockierend zu erleben, dass wir Menschen nicht mehr differenzieren. Es gibt keinen Unterschied mehr, ob jemand eine Urlaubsreise macht, oder mit einem Projekt unterwegs ist und sich auf einem spirituellen Weg befindet. Wenn eine Kirche zu ist, ist sie zu.

Der viele Regen lässt auch die Wildwasserflüsse anschwellen.

Der viele Regen lässt auch die Wildwasserflüsse anschwellen.

Unsere Ansprechpartnerin wollte dennoch nicht mit leeren Händen dastehen und vermittelte uns daher einen Platz in einem Bed&Breakfast. Das Angebot war lieb gemeint und ehrte sie zu tiefst, aber annehmen konnten wir es dennoch nicht. Denn die Pension bestand hauptsächlich aus einem Gruppenschlafraum mit 16 Betten und war somit eine Pilgerherberge, wie wir sie bereits am Jakobsweg so gut wie möglich vermieden hatten. Jetzt, mit all unseren Prozessen, mit unseren Arbeitsaufträgen, mit dem neuen Schlafrhythmus und dem sehnlichsten Wunsch nach Ruhe, Entspannung und Ausklang der letzten zwei Wochen, wirkte dieser Platz wie ein Käfig voll hungriger Wölfe auf uns. Wenn wir ehrlich waren, dann waren wir berets jetzt genervt und gestresst und das obwohl wir nahezu die einzigen Gäste waren, die sich bereits im Haus befanden. Wie also wollte es werden, wenn sich die Leute hier erst einmal tummelten?

Der West-Highland-Way führt durch offene und schöne Landflächen.

Der West-Highland-Way führt durch offene und schöne Landflächen.

Während wir uns am Küchentisch auf einer Karte einen Neuen Plan erarbeiteten, kamen die ersten Gäste an. Die wenigen Gesprächsfetzen, die wir dabei aufschnappten reichten aus, um noch einmal ein tieferes Verständnis dafür zu bekommen, in was für einem Wahnsinn wir hier gelandet waren.

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„Wo finde ich denn meinen Koffer?“ war die erste Frage einer jungen Frau, die gerade mit ihrem Freund ankam. „Ist er pünktlich angeliefert worden?“

„Ja, er steht in Ihrem Zimmer!“ lautete die Antwort. „Wissen Sie schon, was Sie zum Abendessen machen wollen?“

„Ja, wir werden um 19:00 Uhr Essen gehen“, antwortete die junge Frau.

„Oh, gab die Pensionsbesitzerin zu bedenken, „das dürfte schwierig werden, um diese Zeit einen Platz zu bekommen!“

„Keine Sorge! Wir haben reserviert!“

Mit dem Oldtimer in den Traumurlaub.

Mit dem Oldtimer in den Traumurlaub.

Die Frau hatte keinen Ton dazu gesagt, wo sie essen wollten. Das bedeutete, dass um 19:00 Uhr der komplette Ort ausgebucht war, trotz der großen Anzahl an Pubs und Restaurants. Was musste dann hier los sein? Wir machten uns Gedanken darüber, wie wir hier ohne Geld an Nahrung kommen wollten und alle anderen hatten Angst, dass sie selbst mit Geld hungrig ins Bett gehen mussten. Das klang nicht gerade vielversprechend. Ganz abgesehen davon, dass ein Restaurantaufenthalt zu dieser Zeit die Hölle sein musste.

Die Grundidee war ja nicht verkehrt. Gemeinsam mit dem Partner eine romantische Wanderung machen, abends fein Essen gehen und dann sinnliche Zweisamkeit im Hotelzimmer erleben. Praktisch jedoch befand man sich auf einem Weg dicht gedrängt mit hunderten von anderen Pilgern, quetschte sich dann in ein überfülltes Restaurant und schlief am Abend mit 16 Fremden in einem Zimmer voller Stockbetten. Wo da die Romantik bleiben sollte war fraglich.

Man kann auch Abseits des weges in einer Blockhütte schlafen.

Man kann auch Abseits des weges in einer Blockhütte schlafen.

Alles in allem war klar, dass wir diesen Weg so schnell wie möglich verlassen mussten. Für die Besitzerin der Pension und für die Dame von der Kirche war es nicht ganz leicht anzunehmen, dass wir nicht bleiben wollten, aber nach ein paar Erklärungen zu unserem Leben verstanden sie es. Vor allem an der Frau von der Kirche nagte das schlechte Gewissen, dass sie uns nicht einfach in den Pfarrsaal lassen konnte. Sie gab uns eine Tüte voller Essen mit und ließ uns schweren Herzens weiter in die Ungewissheit ziehen.

Dann passierte etwas erstaunliches. Anstatt des Wanderweges schlugen wir nun einen Radweg ein, der wunderschön gelegen auf einer angenehmen kleinen Asphaltstraße durch das Hügelland führte. Er war bei weitem schöner und angenehmer zu gehen als der West Highland Way. Und doch befand sich hier kein einziger Mensch mehr. Es dauerte keinen Kilometer und wir waren vollkommen für uns alleine. Zum ersten Mal an diesem Tag fühlten wir uns beim Wandern richtig wohl. Jetzt konnten wir auch in Ruhe die frischen Erdbeeren genießen, die wir von der Kirchendame geschenkt bekommen hatten. War das nicht unendlich mal schöner, als ein voreservierter Platz in einem überfüllten Restaurant?

Ein Wildwasserfluss in Schottland.

Ein Wildwasserfluss in Schottland.

Zwölf Kilometer weiter erreichten wir einen Ort, der in etwa die selbe Größe und einen ähnlichen Aufbau hatte, wie der letzte. Nur mit der Ausnahme, dass hier keine Hauptstraße hindurch führte. Dennoch gab es hier keinen einzigen Touristen und wir waren nicht einmal sicher, ob es hier jemals einen gegeben hatte. Wo man sich im letzten Ort sicher war, dass wir in Schottland niemals einen Platz in einer Kirche bekommen würden, war es hier lediglich eine Frage von fünf Minuten.

Spruch des Tages: Manchmal ist man Abseits der Wege doch besser aufgehoben

Höhenmeter: 425 m

Tagesetappe: 16 km

Gesamtstrecke: 23.956,27 km

Wetter: Bedeckt aber nicht allzu kalt

Etappenziel: Gemeindesaal, Skipness, Schottland

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