Tag 576: Am Hang

Es war nun der 24. Juli und damit einen Tag vor meinem 30. Geburtstag. Ich weiß, wir sind etwas verschoben in der Zeitrechnung, aber Zeit ist ja eh relativ, vor allem in Ländern wie diesen.

Zu unserer Überraschung stellten wir fest, dass wir noch gar nicht in Han Pijesak waren, sondern nur in einem kleinen Vorort. Die eigentliche Stadt kam erst noch, doch wir waren nicht traurig, sie verpasst zu haben, denn besonders sehenswert war sie nicht. Das einzig wirklich bemerkenswerte war ein Imbissstand, der frischgegrillte Hähnchen verkaufte.

Paulina und ich gingen auf die Verkäuferin zu und baten sie um eine Spende. Sie war sehr freundlich, jedoch nur angestellt und konnte uns deshalb nichts geben.

„Kann ich euch helfen?“ fragte ein Mann, der zufällig in der Nähe gestanden und mitbekommen hatte, dass wir Deutsch sprachen.

„Ich weiß, nicht so genau!“ antwortete ich, „wir haben der Dame gerade von unserem Projekt erzählt und sie um etwas zu essen gebeten, aber soweit ich es verstanden habe, darf sie uns nichts geben, weil sie nicht der Chef ist.“

Dann erzählte Paulina dem Mann was wir machten. Als sie fertig war meinte er nur: „Kein Thema, was wollt ihr denn haben?“

„Ein Hähnchen wäre klasse!“ sagte Paulina, woraufhin der Mann auf Bosnisch mit der Verkäuferin sprach. Paulina war zunächst der Meinung, dass der Mann der Chef war und dementsprechend groß war ihre Überraschung, als sie feststellte, dass er mit dem Stand nicht das Geringste zu tun hatte.

„Braucht ihr auch etwas zu trinken? Cola, Bier oder so etwas?“

„Wasser wäre toll!“ meinte Paulina und kaum hatte sie das gesagt verschwand der Mann auch schon im Supermarkt nebenan.

„Mit oder ohne Kohlensäure?“ rief er aus der Entfernung noch einmal zurück.

„Ohne!“ rief ich und der Mann hob als Zeichen, dass er verstanden hatte seinen Daumen.

Während er fort war briet die Frau von der Imbissbude drei Rinderfrikadellen und legte sie jeweils in ein flaches Brötchen, das sie zuvor in der Mikrowelle erwärmt hatte.

„Ketchup, Senf, Cream-Sauce?“ fragte sie dann, was offensichtlich bedeutete, dass auch die Burger für uns waren. Anschließend holte sie uns ein knuspriges Hähnchen aus dem Bräter und legte es in eine Tüte.

„Hier ist euer Wasser!“ sagte der Mann und hielt uns eine Tüte hin. Dann sprach er wieder mit der Verkäuferin und legte ihr zehn Euro auf den Tresen. Sie schüttelte jedoch energisch den Kopf, woraufhin der Mann im nächsten Casino verschwand und kurz darauf mit frisch getauschten bosnischen Mark zurückkam. Umgerechnet 9€ kostete unser Essen, plus das Wasser natürlich. Als wir alle Tüten in den Händen hielten wünschte er uns eine gute Reise und verschwand.

„Waow!“ sagte ich überrascht, „Danke Paulina! Dieses Festmahl ist auf jeden Fall dein Verdienst. Hätte ich alleine gefragt, dann hätte ich nicht das Geringste bekommen.“

Beim Essen im Park sprachen wir dann unter anderem auch darüber, wie Paulina die Situation wahrnahm. Auf der einen Seite war es natürlich der Knaller, wie viel sie geschenkt bekam, einfach nur, weil sie eine Frau war. Andererseits war ihr in den letzten Tagen auch bewusst geworden, dass sie unmöglich alleine Reisen konnte, ebenfalls nur weil sie eine Frau war. Später bestätigte sich das dann noch einmal, als wir an einer Tankstelle vorbei kamen und Paulina diesmal voraus ging. Einer der Tankwarte erblickte sie, holte sämtliche seiner Kollegen und dazu noch alle Gäste, bei denen es sich ebenfalls nur um Männer handelte und sofort standen alle wie die Orgelpfeifen am Geländer und schauten Paulina hinterher. Dazu pfiffen sie und riefen einige Kommentare, die wahrscheinlich ebenso schmeichelhaft wie vulgär waren. Auch uns riefen sie kurz darauf einige Kommentare zu, die sich nicht gerade angenehm anfühlten, aber trotzdem war es etwas anderes. Das Spiel zwischen Männern und Frauen war einfach sonderbar und in den vergangenen Jahrhunderten hatten wir durch Unterdrückung und Emanzipation schon wirklich viel kaputt gemacht.

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„Gerade,“ sagte Paulina, „sehe ich die Geschenke ein bisschen als Entschädigung dafür an, dass ich so alleine niemals reisen könnte. Auf einem Pilgerweg von Hostel zu Hostel ist es OK, aber sonst wär es mir viel zu riskant.“

„Und selbst auf den Pilgerwegen kommt es immer wieder zu Vergewaltigungen“, wandte Heiko ein. „Allein auf der Steinzeitpilgertour habe ich drei Frauen kennengelernt, die Vergewaltigt wurden, kurz bevor sie mich trafen. Eine sogar zwei Mal.“

Nachdem wir die Stadt verlassen hatten, folgten wir noch einige Kilometer der Hauptstraße und bogen dann rechts auf einen Seitenweg ab. Wir waren wieder einmal an einem Punkt angekommen, an dem wir entweder riskieren konnten, in der Wildnis stecken zu bleiben, oder die Gewissheit hatten, drei Tage lang an einer Hauptstraße entlangzuwandern und dabei noch durch zwei größere Städte zu kommen. Wir entschieden uns daher für die Wildnis, denn selbst wenn das schiefgehen sollte, machte es immerhin mehr Spaß.

Zunächst kamen wir in einen kleinen, fast ausgestorbenen Ort in dem ich nur in einem einzigen Haus lebende Menschen entdecken konnten. Es waren zwei Frauen und ein Treckerfahrer, wobei wir uns nicht ganz sicher waren, ob es sich beim Treckerfahrer nicht auch um eine Frau handelte. Dafür sprachen vor allem ihre feminine Stimme, die Form ihrer Hüfte und der leichte Flaum in ihrem Gesicht, der eher an einen Damenbart als an den eines Mannes erinnerte. Ich weiß, was Bärte anbelangt sollte ich vielleicht lieber nicht mit Steinen werfen, aber gegen diesen Bart war meiner wirklich dicht und prächtig. Andererseits wirkte der Oberkörper nicht besonders weiblich. Es waren zwar unverkennbar Brüste vorhanden, doch wirkten diese eher wie die typischen Männerbrüste, die aufgrund von zu hohem Bierkonsum entstehen.

Zu Fuß sei der Weg bis nach Odzak kein Problem, meinten sie und so machte ich mich auf, um die anderen beiden zu holen. Als wir wieder bei dem Haus der drei Amazonen waren, versorgten sie uns noch mit ausreichend Wasser für die Nacht und mit einigem an Gemüse. Schließlich fiel ihr Blick jedoch auf unsere Wagen und plötzlich hielten sie den Weg doch nicht mehr für eine allzu gute Idee. Vielleicht war es gut, einfach hier zu übernachten und sich den Weg ins Tal in aller Ruhe anzuschauen, um zu entscheiden, ob wir ihn gehen wollen oder nicht. Die Idee klang nicht verkehrt und wir entschieden uns auch eigentlich nie dagegen, doch umgesetzt wurde sie letztlich auch nicht. Der Treckerfahrer und die jüngere der beiden Frauen begleiteten uns ein Stück, um uns den Weg zu zeigen. Letztere hatte einen ganz beachtlichen Bierbauch, der von der Schwerkraft bereits ebenso besiegt wurde, wie ihre Oberweite. Beides hielt sie jedoch nicht davon ab, ein hautenges, bauchfreies Top mit großem Ausschnitt zu wählen unter dem der Bauch elegant hervorquoll wie ein Fahrradschlauch aus einem geplatzten Reifen. Wenn man eines von dieser Frau lernen konnte, dann war es die Kunst, sich sexy zu fühlen, auch wenn es keinerlei Grund dafür gab. Eine Fähigkeit, die ich wirklich an ihr bewunderte.

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Ohne die beiden hätten wir den Weg niemals gefunden und selbst wenn, dann wären wir nicht auf die Idee gekommen, ihn auch wirklich einzuschlagen. Es war ein winziger, extrem schmaler Trampelpfad, der sich in engen Serpentinen einen fast senkrechten Hang hinunterschlängelte. Selbst auf dem Jakobsweg hatten wir solche Passagen stets vermieden. Die Skepsis unserer Führer war also mehr als nur berechtigt gewesen. Dennoch führten sie uns nun zielsicher weiter und wir folgten ihnen nach. Erst Heiko, dann Paulina, dann ich.

Paulina war zunächst noch voller Abenteuerlust und freute sich über die Herausforderung. Die Freude schwand jedoch innerhalb von Sekundenbruchteilen, als ihr Wagen plötzlich zur Seite kippte und sie mit riss. Für einen Moment glaubte sie, nun den Abhang hinabzustürzen und dabei in den sicheren Tod gerissen zu werden. Doch zu ihrem Erstaunen blieb sie einfach seitlich im Gebüsch liegen. So steil wie sie dachte, ging es hier also doch nicht nach unten. Dennoch stand ihr die Panik ins Gesicht geschrieben. Sie fühlte sich eingesperrt und konnte sich nicht rühren. Das war auch kein Wunder, denn wie war noch immer in ihrem Wagengeschirr fixiert und zusätzlich zwischen die Deichseln geklemmt. Die Panik, die sie fühlte kannte ich nur allzu gut aus ähnlichen Situationen.

„Ganz ruhig Paulina!“ rief ich ihr deshalb besänftigend zu, „schnall dich erst einmal ab!“

„Oh! Stimmt!“ sagte sie erleichtert, als sie feststellte, dass sie sich aus ihrer Gefangenschaft so einfach befreien konnte. Sofort waren unsere beiden Führer zur Stelle und wollten den Wagen wieder aufheben.

„Stopp! Langsam!“ rief ich, stellte meinen Wagen ab und lief zu Paulina hinüber. Die Hilfe war nett gemeint, doch die beiden kannten unsere Wagen nicht und wussten deshalb auch nicht damit umzugehen. Sie waren drauf und dran, ihn komplett über die Seite zu ziehen, so dass es das Rad verbogen hätte. Vorsichtig hob ich den Wagen auf, so wie ich es ja oft genug bei meinem eigenen geübt hatte und gemeinsam mit Paulina stellte ich ihn wieder sicher auf dem kleinen Pfad ab. Paulina war jedoch nun nicht mehr so frohen Mutes wie zuvor. Sie hatte erfahren, was passieren konnte und von nun an war die Angst bei jedem Schritt ihr steter Begleiter. Bei den kommenden besonders heiklen und steilen Passagen half Heiko ihr beim Ziehen und Ausbalancieren. Nun war ich an der Reihe und vor mir lag nun genau die Stelle, bei der Paulina gekippt war. Vorsichtig und auch nicht frei von Angst nährte ich mich ihr, zog die Bremse an und drückte den Wagen mit aller Kaff gegen die Fallrichtung. Ein Wagenrad stand noch oben auf einem Stein, das andere war 15cm tiefer in eine lehmige Mulde gerutscht, die sich steil zum Abhang hin öffnete. Mein rechtes Bein suchte unsicher nach Halt während mein linkes Verkrampft und viel zu hoch hinter einem Stein steckte.

Genau diesen Moment suchten sich unsere beiden Führer nun aus, um uns mitzuteilen, dass es von nun an eigentlich einfach ginge und sie daher umkehren würden. Das ganze bekräftigten sie dann mit einer detaillierten, für mich aber leider vollkommen unverständlichen Wegbeschreibung für die nächsten 20 Kilometer. Dummerweise deuteten sie meine angestrengte Mimik als Zeichen dafür, dass ich ihre Wegbeschreibung nicht ganz verstanden hatte und erklärten sie gleich noch einmal. Der Schweiß perlte mir von der Stirn und ich spürte, wie meine Kraft in den Armen nachließ, doch ich konnte mich nicht gleichzeitig auf das Zuhören und auf das Rauskommen aus der Schräglage konzentrieren, also harrte ich weiter aus und versuchte ihnen mitzuteilen, dass sie vielleicht noch einen Moment warten könnten, bis ich wieder festen Boden unter den Füßen hatte. Doch wieder deuteten sie mein unbeholfenes Herumgestotter und nach Worten Gesuche als Bitte, die Beschreibung noch einmal zu wiederholen. Innerlich hörte ich bereits die Melodie, die früher bei „Wetten Dass!?!“ immer angezeigt hatte, das ein Kandidat gescheitert war.

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Der kommende Abstieg war nicht weniger delikat und so entschieden wir uns dafür, unsere frischen Wasserreserven wieder auszugießen. Das Risiko war einfach zu hoch, denn die Wassersäcke waren vollgefüllt noch einmal zusätzliche 3-4kg, die ganz oben auflagen und uns somit einiges an Stabilität kosteten. Wir vertrauten lieber darauf, dass wir im Tal neues Wasser bekommen würden. Den Umständen entsprechend kamen wir dann sogar recht gut voran. Bis zu jenem Punkt jedenfalls, an dem ein überzeugter Gegner von Wanderern einen Baum gefällt und so über den Weg gelegt hatte, dass man unmöglich darüber hinweg kommen konnte. Ein Stück weiter unten gab es eine Stelle, an der die gewöhnlichen Wanderer ohne Wagen den Baum überquerten, doch auch hier hatten wir keine Chance. Es blieb nur eins, wir mussten den steilen Hang quer durch den Wald hinab steigen, bis wir unterhalb des Baumes waren, dann seitlich über Stock und Stein kriechen und am Ende wieder auf den Weg stoßen. Mit vereinten Kräften gelang es uns, meinen Wagen auf diese Weise an dem Hindernis vorbei zu führen, ohne dass er kippte oder in zwei Teile zerbrach. Die ganze Aktion dauerte auch nur eine knappe Stunde, dann waren wir mit dem ersten Wagen fertig. Wenn wir die anderen auf die gleiche Weise führen wollten, dann würde es dunkel werden, bevor wir damit fertig wären. Es musste doch noch einen anderen Weg geben. Während ich meinen Wagen schon einmal aus der Gefahrenzone runter auf den Schotterweg brachte, suchten Heiko und Paulina nach Alternativwegen. An der Stelle, an der der Originalweg verlief, war der Baumstamm tatsächlich so weit über dem Boden, dass man darunter hindurchgehen konnte. Das Problem war nur, dass jemand diese Lücke mit weiteren Ästen, Stämmen und Dornenranken zugestopft hat, so das kein Durchkommen mehr möglich war. Aber wenn hier sonst schon keiner für Ordnung sorgte, dann mussten wir eben selbst ans Werk. Zum Glück hat und Victorinox mit einem Multitool ausgestattet, das eine so gute Säge hat, denn sonst würden wir wohl immer noch dort festhängen und an den Ästen herum feilen. Stück für Stück legten wir den Weg wieder frei und schließlich wurde ein passierbarer Pfad erkennbar. Der Rest war ein Kinderspiel. Etwa zweihundert Meter weiter endete der Pfad und mündete auf einen alten Schotterweg. Doch bevor wir ihn erreichten wurde es noch einmal richtig steil. Heikos und Mein Wagen waren bereits unten. Nun war Paulina an der Reihe. Vorsichtig bewegte sie sich vorwärts und zog dabei die Bremse an, damit der Wagen ganz langsam hinter ihr her rollte.

PENG!

Fortsetzung folgt ….

Spruch des Tages: So nah am Abgrund

 

Höhenmeter: 25 m

Tagesetappe: 12 km

Gesamtstrecke: 10.224,77 km

Wetter: sonnig und heiß

Etappenziel: staubier, schäbiger Raum in der alten Schule, Bacevici, Serbien

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