Tag 573: Die Trinkbeutel-Krise – Teil 2

Fortsetzung von Tag 572:

Paulinas Gefühlskette ist meiner nicht unähnlich aber sogar noch ein gutes Stück länger und verworrener, wenngleich ich sicher bin, dass ich auch bei meiner gerade noch einen wichtigen Teil vergessen habe.

An diesem Morgen begann Paulinas Gefühlskette damit, dass sie sich überfordert fühlte, weil sie spürte, dass sie unstrukturiert war und daher schon wieder hinterher hinkte. Heiko und ich waren längst fertig und warteten, während sie noch immer dabei war, ihren Wagen zu sortieren. Sofort kam das Gefühl in ihr auf, nicht gut genug zu sein und sie setzte sich selbst unter Druck. Dadurch wiederum wurde sie hektisch und unkonzentriert. Gleichzeitig fühlte sie sich Schuldig, weil sie uns aufhielt. Also achtete sie nicht mehr darauf, was für sie selbst wichtig war, sondern versuchte so gut es ging so zu sein, wie sie selbst glaubte, dass wir es von ihr wollten. Sie hetze hinter uns her, versuchte die verlorene Zeit wieder aufzuholen und gleichzeitig ihren Stress herunterzuschlucken. Immerhin wollte sie ja gut drauf sein. (Gott merke ich gerade, wie sehr ich mich darin wiederfinde!)

Als sie dann einige Kilometer weiter nach ihrem Wasserbeutel suchte und merkte, dass diese nicht da war, folgte der zweite Teil der Gefühlskette. Sie spürte, dass sie durch die Hektik schon wieder etwas falsch gemacht hatte, obwohl sie genau gewusst hatte, was zu tun gewesen wäre. Sofort kamen Selbstverurteilung und das Gefühl von Scham und Schuld in ihr auf. Es war keine Zeit um innezuhalten und sich in ruhe zu überlegen, was nun sinnvolle nächste Schritte sein könnten. Hätte sie sich diese Zeit genommen, dann wäre sie wahrscheinlich einfach weiter gegangen um uns einzuholen und um gemeinsam mit uns zu besprechen, was nun zu tun war. Das ging jedoch nicht, denn dazu war das Schamgefühl zu hoch. Ihr erinnert euch vielleicht, dass sie den Glaubenssatz in sich trägt, dass sie keine Probleme zugeben darf, die sie nicht gelöst hat. Zu uns zu kommen und zu sagen: „Sorry Jungs, ich habe Scheiß gebaut, ich muss noch einmal zurück, weil ich meinen Wasserbeutel verloren habe!“ ging also nicht. Wenn sie kam, dann musste sie sagen können: „Sorry Jungs, ich habe Scheiß gebaut und meinen Wasserbeutel verloren, aber jetzt ist alles wieder in Ordnung, denn ich habe ihn schon gefunden.“

Hätte sie sich Zeit genommen um nachzudenken, dann hätte sie aber vielleicht trotzdem in der SMS schreiben können: „Ich habe meinen Wasserbeutel verloren und muss kurz zurück gehen! Dauert ein bisschen aber ihr braucht euch keine Sorgen machen. Mein Wagen ist sicher versteckt, so dass ihn keiner klauen kann!“ Doch dazu war ihr Kopf nicht frei genug, denn die SMS schrieb sie ja bereits mitten in einer Kurzschlusshandlung und es wäre keine anständige Kurzschlusshandlung gewesen, wenn sie dabei sinnvolle Informationen vermittelt hätte.

Wenn sie sich sogar wirklich Zeit zum überlegen genommen hätte, dann hätte sie vielleicht sogar gemerkt, dass es nicht besonders sinnvoll war, den Pilgerwagen mit ihrem gesamten Hab und Gut unbeaufsichtigt zurück zu lassen, um einen Wasserbeutel im Wert von 40€ zu suchen. Natürlich, sie hatte ihn im Gebüsch versteckt, aber es war eine vielbefahrene Straße und dass die Menschen hier nicht unbedingt die vertrauenserweckensten und ehrlichsten waren, das hatte sie ja bereits gemerkt. Das Risiko bestand also und war im Verhältnis zu dem möglichen Nutzen ausgesprochen hoch.

Doch all diese Überlegungen gab es erst, als sie nun im Schatten wieder bei uns saß. In der Situation selbst, reagierten vor allem die Scham und die Wut auf sich selbst, das sie schon wieder einen Fehler gemacht hatte, von dem sie eigentlich wusste, wie er zu vermeiden gewesen wäre. Um das Gefühl des Versagt-Habens loszuwerden lief sie nun also so schnell wie möglich zurück und nutzte dann gleich noch die nächste Möglichkeit um in einer Kurzschlussreaktion ein weiteres unnötiges Risiko einzugehen. Ein Mann hielt neben ihr und fragte sie, ob sie etwas suchte. Er hatte ein Schwedisches Kennzeichen, was ihn durchaus etwas vertrauenserweckender machte. Außerdem fuhr er gemeinsam mit seinem Sohn. Doch die Situation beim Grillen hatte gezeigt, dass ein Mann trotz freundlicher Einladung und trotz Anwesenheit seiner Kinder hier durchaus sehr unangenehm sein konnte. Und ein Schwedisches Kennzeichen hieß nicht, dass es dich beim Fahrer um einen Schweden handelte, sondern zeigte lediglich, dass der Mann sein Auto in Schweden angemeldet hatte und dort gelegentlich arbeitete. In diesem Fall ging alles glatt, aber schlau war die Entscheidung dennoch nicht. Nicht nach allem, was sie hier bereits erlebt hatte.

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Der Mann fuhr sie zurück bis zur Tankstelle, die am Ortsausgang von unserem Übernachtungsdorf lag. Doch der Wassersack war nirgendwo zu finden. Kurz überlegte sie, ob sie aussteigen und auch noch den Rest absuchen wollte, doch dann tauchte schon wieder die Harmoniesucht auf, gepaart mit dem schlechten Gewissen darüber, uns noch länger warten zu lassen. Also ließ sie sich von dem Mann wieder zurück fahren, holte ihren Wagen aus dem Gebüsch und traf kurz darauf auf Heiko, der ihr entgegen gekommen war.

Die ganze Aktion war also umsonst gewesen und sowohl das Risiko, den Wagen alleine zu lassen als auch das Risiko bei einem fremden Mann ins Auto zu steigen, ohne uns darüber zu informieren, hatten an ihrer Situation nichts verändert. Außer, dass sie sich nun noch mehr über sich selbst ärgerte.

Hätte sie sich hingegen die Zeit genommen noch einmal in ruhe nachzudenken, dann wäre ihr vielleicht aufgefallen, dass die Straße komplett eben gewesen war, der Feldweg hinter unserem Camp jedoch steinig und holperig. Wenn sie den Trinkbeutel also irgendwo verloren hatte, dann nicht auf der Straße sondern gleich beim Losgehen am Morgen. Genau in dem Moment, in dem sie gespürt hatte, dass sie nicht mehr auf sich, sondern nur noch auf uns achtete, weil sie das Gefühl hatte, nicht schnell genug zu sein. In diesem Moment hatte sie bereits gewusst, dass etwas schief geht und wenn sie kurz innegehalten hätte, dann hätte sie sich später genau an diese Gefühl erinnern können. Jetzt, da sie mit uns bei den Bäumen saß, konnte sie sogar auf den Meter genau vorhersagen, wo der Beutel lag. Sie tat es nicht, weil sie noch immer zu viel Scham in sich trug um offen sprechen zu können, doch sie hätte es gekonnt.

Diese Scham war es auch gewesen, die sie überhaupt in das Dilemma gebracht hatte. Wäre sie einfach gleich zu uns gekommen und hätte offen über alles gesprochen, dann wäre ihr Wagen nicht unbeaufsichtigt gewesen und sie hätte sofort gewusst, wohin sie laufen musste. Nun aber hatte sie die Strecke dreimal gemacht, wenngleich auch in einem Auto und war noch immer keinen Schritt weiter.

Ich will ganz ehrlich sein! Seit Paulina da war und sich nun immer wieder in derartige Situationen brachte, fühlte ich mich ein ganzes Stück besser. Ich weiß, so etwas nennt man Schadenfreude und moralisch ist das nicht besonders korrekt, aber es fühlt sich einfach so gut an, wenn man nicht immer selbst der Depp ist. Ich erinnere mich nur allzu gut an die unzähligen Male, in denen ich Strecken doppelt und dreifach gelaufen bin, weil ich Dinge verschusselt hatte und mit dann nicht die Zeit nehmen wollte, in Ruhe darüber nachzudenken. Nehmt nur einmal die Situation in Rom, mit dem Postpaket, das sich die ganze Zeit in der Station befand in der es sein sollte. Drei Tage hatte ich mich selbst dafür gehasst und verurteilt, dass ich nichts richtig machen konnte. Nicht eine Sekunde lang konnte ich den Sinn in all dem erkennen. Jetzt da ich es von außen beobachten konnte und Paulina die Betroffene war, war das plötzlich etwas ganz anderes. Nun schien es so offensichtlich, dass sich so große Lernchancen darin verbargen, dass alles gar nicht schlimm sondern eigentlich sogar recht amüsant war und dass es keinen Grund gab, sich deshalb selbst zu verurteilen, dass ich kaum verstehen konnte, warum es Paulina so schlecht damit ging. Damals, als ich mit dem Kopf vor der Wand gestanden hatte, hatte ich keinen Ausweg gesehen und geglaubt, für immer und ewig ein Trottel bleiben zu müssen, der nie etwas auf die Reihe bekam. Jetzt erst merkte ich, wie viel ich tatsächlich schon gelernt hatte. Natürlich befand auch ich mich noch immer am Anfang, aber trotzdem hatte ich schon Fortschritte gemacht und merkte langsam, dass es einen Weg der Wandlung gab. Offensichtlich machte jeder Mensch, der sich entwickeln wollte, die gleichen Schritte durch und dazu gehörten auch Selbstverurteilung, Hoffnungslosigkeit und das Gefühl, der Größte Depp dieser Erde zu sein. Das ist nichts negatives, sondern eben einfach ein Teil der Selbsterkenntnis, denn es ist ja auch nicht verkehrt. Man hat einfach über Jahrzehnte hinweg gelernt, ohne roten Faden, ohne Struktur, ohne Achtsamkeit und ohne Gefühl für sich selbst, für den eigenen Körper und die eigene Göttlichkeit zu leben. Man hat Eltern, die auch nie erkannt haben, wer sie wirklich sind, weil sie es schon von ihren Eltern nicht lernen konnten. Man hat von frühster Kindheit, im Kindergarten, in der Schule, in der Uni und im Beruf gelernt, ein Depp zu sein, der nur im Ego-Verstand lebt. Wie also sollte man plötzlich von einer Sekunde auf die andere sein wahres Selbst entdecken und vollkommen danach leben können? Das ist unmöglich. Doch die Erkenntnis, dass man ein Volldepp ist, der keinen eigenen Willen hat sondern nur den Prinzipien der Angstkontrolle, der Konsummanipulation, Ego-Befriedigung und des Gesellschaftslemmingdasein gefolgt ist, ist ein harter Schlag ins Gesicht, über den man sich im ersten Moment nur schwer freuen kann.

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Da es bereits nach drei Uhr war, beschlossen wir, unser Camp gleich hier aufzuschlagen. Heiko und Paulina arbeiteten noch eine ganze weile an ihrer Gefühlskette, während ich mich auf die Suche nach Wasser machte.

Das Dorf lag einige hundert Meter weiter die Straße hinunter. Ich bog in die Einfahrt zum ersten Wohnhaus und wurde bereits angehupt, noch ehe ich auch nur das Gartentor erreicht hatte.

„Verschwinde! Du hast hier nichts zu suchen!“ schnauzte mich der Fahrer eines Autos an, das direkt neben mir hielt.

„Entschuldigung, aber ich wollte bei dem Haus dort eigentlich nur nach Wasser fragen!“ sagte ich irritiert über die spontane Unfreundlichkeit.

„Wasser? Dann komm!“ sagte er stieg aus und ging auf seinen Schuppen zu. Dort schloss er die Tür auf, ging hinein und drehte einen Hahn auf, der einen Wasserschlauch versorgte.

„Da!“ sagte er und hielt mir den Schlauch hin.

„Wo kommste her und wohin willste?“ fragte er in dem kläglichen Versuch, die Stimmung wieder etwas aufzulockern.

„Aus Deutschland, nach Serbien!“ antwortete ich genauso knapp, wie ich gefragt wurde.

„Alles Klar! Hau rein!“ sagte der Mann, stieg in sein Auto und verschwand. Zuvor hatte er jedoch die Schuppentür abgeschlossen, so dass mir nichts anderes übrig blieb, als das Wasser laufen zu lassen, als ich fertig war.

Während ich unsere Wasserbeutel befüllte, dachte ich noch einmal über den Mann nach. Wie konnte man nur von Grund auf eine so ablehnende Haltung haben? Ich meine, ich hätte ja jeder sein können. Vielleicht war ich der Freund seines Bruders, der zu Besuch kam sich seit Ewigkeiten freute, die Familie kennenzulernen. Oder ich war der Rechtsvertreter eines verstorbenen Onkels, der darüber entscheiden durfte, wer etwas von der Erbschaft bekam und wer nicht. Vielleicht war ich aber auch einfach ein Wanderer, der einen schwerverletzten Freund hatte, der im Straßengraben lag und unbedingt Hilfe brauchte. Oder einfach ein Mann mit Durst, der nichts weiter wollte, als nach etwas Wasser zu fragen. Dieser Mann wusste es nicht und trotzdem waren seine ersten Worte, ich solle mich zum Teufel scheren. Warum? Er hatte keine Ahnung und nahm billigend in Kauf, jemanden zu vertreiben, der vielleicht Hilfe brauchte oder ihm etwas gutes tun wollte. Schließlich war ja nicht jeder so dreist wie ich.

Später fiel uns noch etwas anderes auf. Gerade hier in Bosnien waren wir ja besonders oft abgelehnt worden, ohne das wir dafür einen Grund hatten erkennen können. Erst jetzt kam uns in den Sinn, dass diese Ablehnung gar nicht uns galt. Wie auch, denn Wanderer gab es hier nahezu überhaupt nicht. Es war also unmöglich, dass die Menschen einen schlechten Bezug dazu hatten. Skeptisch ja, irritiert und meinet wegen auch erst einmal so vorsichtig, dass sie lieber nichts gaben. Aber so ablehnend, ja aus tiefstem Herzen verabscheuend konnte man gegenüber etwas, das man nicht kannte eigentlich nicht sein. Und Wanderer waren wie gesagt unbekannt. Was jedoch nicht unbekannt war, waren Flüchtlinge. Gerade hier in den Grenzgebieten gab es noch immer Flüchtlingslager und auch in den Kriegs- und Nachkriegszeiten musste es viele Menschen gegeben haben, die alles verloren hatten und daher auf die Hilfe ihrer Mitmenschen angewiesen waren. Diese Flüchtlinge waren wie wir zu den Häusern gezogen und hatten nach Essen gefragt. Es war also naheliegend, dass wir nun die Erinnerungen an jene Zeiten wachriefen und damit auch die gleichen Reaktionen provozierten. Doch bei genauerer Betrachtung war das ja gleich noch viel erschreckender. Einen Wanderer abzuweisen, der sich seine Reiseroute selbst ausgesucht hatte war eine Sache, aber einem Flüchtling ein Stück Brot oder ein paar Kartoffeln zu verwehren, wenn dieser gerade am Verhungern war, das war etwas anderes. Wenn es wirklich so war, dann war das ein ganz schön hartes Stück.

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Als ich zu Heiko und Paulina zurückkehrte, hatte sich Paulina dazu entschlossen, die Strecke noch einmal zurückzulaufen. Dieses Mal bis zum Anfang, bis zu der Stelle, an der sie den Wassersack wirklich verloren hatte. Eigentlich wollten wir heute eine Strecke von 16km schaffen. Durch die Warterei, das Ausschlafen und das Hin und Her hatten wir nun gerade einmal 6km geschafft. Dafür brachte es nun zumindest Paulina heute doch noch auf die angedachte Kilometerzahl…

Spruch des Tages: Was man nicht im Kopf hat, hat man in den Beinen.

 

Höhenmeter: 75 m

Tagesetappe: 10 km

Gesamtstrecke: 10.184,77 km

Wetter: sonnig und heiß, ab Mittag bewölkt und immer wieder Regenschauer

Etappenziel: Zeltplatz auf einem Fußballfeld im Wald, irgendwo bei Kravica, Bosnien und Herzegowina

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