Tag 690: Verlassene Urlaubsregion

Nach dem mauen Abendessen versuchten wir unser Glück am kommenden morgen noch einmal mit einem Frühstück. Bei Sonnenschein waren die Menschen wieder weitaus offener und wir bekamen eine Einladung zum Frühstück auf der Terrasse. Der Sohn der Hauswirtin kam kurz darauf mit seiner Familie und begrüßte uns förmlich. Das Gespräch das sich darauf mit ihm entwickelte, war das wohl einfallsloseste, das wir je geführt hatten.

„Wo kommt ihr her?“ begann er die Unterhaltung mit einer selten gehörten und überaus kreativen Frage.

„Aus Deutschland!“ antwortete Heiko.

„Aha!“ sagte der junge Mann und ließ es erst einmal eine Weile auf sich beruhen. Dann nahm er den Faden wieder auf und fragte: „Und aus welchem Land seit ihr?“

„Auch aus Deutschland!“ erklärte ich geduldig. Wieder gab es eine kurze Pause, in der der Mann so tat, als müsse er irgendetwas erledigen. Da ihm jedoch nichts sinnvolles einfiel, gab er es gleich wieder auf, stand eine Weile schweigend neben uns und fragte dann: „Welche Nationalität habt ihr?“

Dieses Mal kostete es uns schon einiges an Mühe, bei der Antwort ernst zu bleiben. „Deutsch!“ sagte Heiko schließlich.

Im Nachhinein betrachtet war es ein bisschen schade, das unser Frühstück schon so schnell beendet war und wir gleich weiterzogen. Welche tiefgreifenden Fragen hätte uns der Mann wohl noch gestellt, wenn wir länger geblieben wären?

Um Montenegro zu verlassen mussten wir nun auf die Hauptstraße wechseln, die aus dem Tal heraus führte. Es war eine große, breite Straße, die jedoch zum Glück nicht allzu sehr befahren war. Gleich als wir sie erreichten, warnte ein großes, rot umrundetes Verkehrsschild davor, dass es Pferdekutschen verboten war, hier auf dieser Straße zu fahren. Gut also, dass wir keine Pferde waren, denn von Menschenkutschen stand da zum Glück nichts.

Als wir das Schild sahen machten wir uns zunächst noch darüber lustig und wir hätten nicht gedacht, dass so ein Schild wirklich einmal notwendig sein konnte. Doch keinen Kilometer weiter wurden wir tatsächlich von einer Pferdekutsche überholt. Das arme Schild! Da stand es nun schon an einem Punkt, an dem es einen Sinn machte und wurde dann einfach ignoriert.

Zunächst bemerkten wir es kaum, weil es keine Serpentinen und auch keine Anhaltspunkte gab, an denen man die eigene Höhe hätte erkennen können, doch nach einiger Zeit fiel uns auf, dass wir schon wieder eine gewaltige Summe an Höhenmetern zurückgelegt hatten. Wir hatten uns schon gefragt, warum es heute so anstrengend war und begannen bereits an unseren Kräften zu zweifeln, als mir ein Blick auf unsere Karte verriet, dass wir nun schon fast 600 Meter höher waren, als bei unserem Frühstück.

Schließlich erreichten wir einen Punkt, der auf meiner Karte wie ein kleines Dorf ausgesehen hatte. Es hätte eigentlich unser Zielort werden sollen, doch wie sich herausstellte handelte es sich nur um eine Ansammlung stillgelegter Ski-Hütten. Auch das Hotel, das so vielversprechend angekündigt wurde, war bereits seit mindestens fünf Jahren tot. Es schien also wirklich zu stimmen, dass sich die Montenegroianer mit der Unabhängigkeit ins eigene Fleisch geschnitten hatten. Der ganze Tourismus war zuvor von den Bewohnern der nordserbischen Großstädte dominiert worden, die nun aus Protest nicht mehr kamen. Ohne sie musste hier alles nach und nach kaputt gegangen sein. Nur die großen Webeschilder standen noch immer und lockten zufällig vorbeikommende Wanderer und Touristen in die Irre.

So anstrengend der Weg bis hierher auch gewesen war, bleiben konnten wir hier nicht. Doch die Verlassenheit der Region hatte den Vorteil, dass es auch fast keine Autos mehr gab, die hier entlang fuhren. So konnten wir es riskieren und statt dem ursprünglich geplanten weg über den Bergkamm der Hauptstraße durch den Tunnel folgen.

Etwas mehr als einen Kilometer führte uns die Straße nun schnurgerade durch den Berg. Licht gab es keines und so wanderten wir in vollkommener Dunkelheit, die wir nur selbst mit unserer Handy-Taschenlampe durchbrechen konnten. An vielen Stellen waren bereits Steine, Schlamm, Sand und Geröll von den Tunnelwänden auf den Boden gefallen und einige Male mussten wir größeren Haufen ausweichen. Einen besonders sicheren Eindruck machte es nicht und wir waren heilfroh, als wir den Tunnel wieder verlassen konnten. Dennoch waren wir auch fasziniert davon, wie baufällig solche Straßentunnel sein konnten, ohne dass es jemanden störte, oder ohne dass etwas passierte. In Deutschland hätte diese Straße nicht einmal gesperrt werden müssen. Sie wäre nicht für die Öffentlichkeit zugelassen worden. Denn es gab weder Fluchttüren noch ein Belüftungssystem. Wenn also wirklich einmal etwas passierte, dann wurde sie definitiv zur Todesfalle.

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Auf der anderen Seite wanderten wir noch ein paar Kilometer im Tageslicht, bevor wir ein kleines Dorf etwas abseits der Straße fanden, in dem wir unser Zelt aufschlagen konnten.

Die Nacht und auch der kommende Morgen wurden bitterkalt. Unsere Schlafsäcke wollten einfach keine Wärme hergeben und so konnten wir es uns nur noch damit gemütlich machen, dass wir uns in unsere lange Unterwäsche und in unsere Schlafsackinlays verkrochen. Es bestand kein Zweifel, dass es an der Zeit war, in Richtung Süden zu kommen. Wenn uns mit dem Material hier in den Bergen ein Wintereinbruch erwischte, dann waren wir geliefert. Schmerzlich wurde uns bewusst, dass wir auch unter Idealbedingungen unmöglich weiter mit Paulina hätten Wandern können, wenn wir dadurch unser altes Tempo hätten einhalten müssen. Es war gerade einmal Anfang September und die Nächte waren bereits jetzt schon so kalt, dass es grenzwertig wurde. Wie würde es hier wohl erst im Oktober oder November sein?

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Je stärker wir uns nun der Stadt näherten, desto ungemütlicher wurde die Hauptstraße. Der Verkehr nahm zu und die Rücksicht der Autofahrer nahm dazu proportional ab. Doch wirklich unangenehm wurde es erst, als wir die Stadt selbst erreicht hatten. Sie war laut, hässlich, vermüllt und unerträglich. Kurz gesagt also eine ganz normale Stadt auf dem Balkan. Sämtliche Versuche, einen Hotelschlafplatz aufzutreiben scheiterten wieder einmal an den mangelnden Englischkenntnissen der Hotelangestellten. Bei den kleineren Hotels ließ ich mir das durchaus eingehen, aber das selbst die Rezeptionisten des Grandhotels keinen englischen Satz hervorbrachten, fand ich schon etwas seltsam. Offensichtlich waren fünf Sterne neben der Tür und ein kristallener Kronleuchter in der Hotellobby noch kein Garant dafür, dass man auch einen Service bekam. Für uns war es nicht weiter tragisch, aber wenn ich mir vorstelle, dass ich dort wirklich ein teures Zimmer miete und dann nicht einmal nach einem Wasser fragen kann, dann ist das doch etwas seltsam, oder nicht?

Auf dem Weg aus der Stadt fragten wir uns noch einmal, warum Menschen überhaupt in Städten lebten. Die Frage klingt vielleicht etwas ironisch, aber so war sie nicht gemeint. Was versprechen wir uns davon, uns ganz bewusst an einzelnen Orten zu ballen und uns selbst zu stapeln wie Hühner in einer Legebatterie. Bei den Hühnern reagieren wir mit Mitleid den Tieren und Verachtung den Haltern gegenüber, wenn uns die Zustände bewusst werden. Doch wir selbst nehmen es ohne zu zögern hin, dass wir uns auf engstem Raum zusammenballen und machen dies sogar noch freiwillig und gerne. Was also bringt uns dazu? Es muss ja einen guten Grund geben, dass der Großteil der Menschheit sich ganz bewusst für dieses Leben entscheidet und nicht ein kleines Häuschen auf dem Land wählt, wo es ruhiger und entspannter zugeht. Und selbst wenn wir uns für ein solches Landleben entscheiden, dann sorgen wir meist selbst dafür, dass es auch hier wieder stressig wird und dass die Ruhe von mitgebrachten Geräuschen überdeckt wird. Es scheint also, als wäre es uns wichtig, dass wir uns ganz bewusst im Stress halten. Warum machen wir das? Welcher Grund steckt dahinter? Denn wenn es keinen wirklich guten Grund geben würde, dann würden wir es sicher nicht machen.

Eine Erklärung, die uns dazu einfiel, war der Wechsel zwischen vagotonen und aktiven Phasen, den jedes Lebewesen durchläuft. Jedes Lebewesen oder zumindest jedes Tier, wechselt in der Regel zwischen zwei Phasen, je nachdem welcher Zustand gerade seinem Überleben dient. Nehmen wir beispielsweise einmal eine Maus. Im Normalfall ist sie in ihrem Entspannungszustand. Sie ruht, läuft ein bisschen herum, döst oder schläft. Kommt jedoch eine Gefahrensituation auf, dann wechselt ihr Organismus automatisch in den aktiven Zustand. Ihr Körper produziert Adrenalin, ihr Herz schlägt schneller, um ihren Organismus besser mit Sauerstoff zu versorgen und all ihre Sinne laufen auf Hochtouren. Sobald die Gefahr vorüber ist, wechselt sie sofort automatisch wieder in den Entspannungsmodus und ihr Organismus beruhigt sich wieder. Vorausgesetzt natürlich, sie wurde nicht gefressen. Dann wechselt sie gleich direkt in einen jenseitigen Zustand, den ich jetzt aber unberücksichtigt lassen möchte.

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Auch wir Menschen wechseln ständig zwischen diesen beiden Phasen. Wenn wir im Stress sind, Sport machen, unter Strom stehen, eine Prüfung erledigen, arbeiten oder sonst auf irgendeine Art und Weise aktiv sind, sind wir in der sogenannten sympathikotonen Phase. Entspannen wir und, meditieren wir oder schlafen wir, dann kommen wir in den vagotonen oder auch parasympathikonen Zustand. Um wirklich in diesem Zustand zu verweilen müssen wir aber abschalten können. Es reicht nicht, sich kurz einmal hinzusetzen und die ganze Zeit über im Kopf weiter auf Hochtouren zu laufen. Eine Umgebung, die niemals schläft, wie es in Großstädten oft der Fall ist, ist also denkbar ungeeignet um in die vagotone Phase zu geraten. Und genau dies ist wahrscheinlich der Grund, weshalb wir die Unruhe und den permanenten Stress der Städte so lieben.

Auf den ersten Blick ist die vagotone Phase natürlich nicht zu verachten. Wer hat schon etwas gegen Entspannung, Ruhe und Wohlfühlphasen. Doch es gibt eine Sache, die man darüber wissen muss. Die vagotone Phase ist auch die Phase, in der sich unser Körper regeneriert. So lange wir aktiv sind, muss unser Organismus alle Ressourcen zur Verfügung stellen, damit wir auch aktiv bleiben können. Wenn wir gerade vor einem Raubtier flüchten, haben wir keine Zeit um gleichzeitig unsere Darmflora zu bereinigen. Die gesamte Energie wird in die überlebenswichtigen Bereiche des Körpers umgeleitet. Genauer gesagt, die Bereiche, die jetzt im Moment überlebenswichtig sind. Alles, was uns Langfristig gesund hält, wird erst einmal zurück gestellt. Normalerweise dauern diese Phasen nur kurz an und er ist ein Klacks für den Körper, sich davon wieder zu erholen. Doch wir haben es uns angewöhnt, in diesem Zustand zu verweilen und uns kaum noch Zeit zum regenerieren zu geben. Fangen wir jedoch einmal damit an, dann fordert der Körper seine Regeneration förmlich von uns ein. Er spürt, dass er nun Zeit dafür hat und beginnt gleich mit den Reparationsarbeiten. Dies führt dazu, dass wir uns schlaff, erschöpft und müde fühlen, dass wir energielos werden und plötzlich lauter Krankheitssymptome spüren, die zuvor nicht aufgetreten sind. Wir haben also das Gefühl, jetzt Krank zu werden. Dies liegt jedoch nicht daran, dass wir nun wirklich krank werden. Die Krankheitssymptome sind viel mehr Begleiterscheinungen der Heilung. So lange wir aber im aktiven Zustand waren, konnte sich der Körper keine Schwächen leisten, also spürten wir auch nicht, dass es uns schlecht geht.

Diese Erklärung ist natürlich stark vereinfacht, denn auch wenn wir uns im permanenten Dauerstress befinden verschafft sich unser Körper immer wieder Entspannungsphasen in denen er sich zumindest zum Teil regeneriert. So kommt es trotzdem immer mal wieder zu Krankheitserscheinungen. Außerdem gibt es auch einige Symptome, die wir in der aktiven Phase zu spüren bekommen. Doch im Großen und Ganzen ist die aktive Phase, die Phase des Handelns und die passive die des Fühlens und Regenerierens.

Auch wenn wir keine Ahnung von diesem Prinzip haben, spüren wir trotzdem, dass wir durch Entspannung in eine Heilungsphase kommen, die unter Umständen viel Schmerz und Leid bedeuten kann, bis sich unser Körper wieder regeneriert hat. Solange wir aktiv und gestresst bleiben, können wir die Bedürfnisse unseres Körpers unterdrücken, doch sobald wir in die Ruhephase rutschen, bekommen wir die Quittung für diese Selbstvergewaltigung. Dies geht teilweise sogar so weit, dass Menschen Ruhe überhaupt nicht mehr aushalten können. So hat Heiko auf seiner ersten Reise nach Santiago in der Schweiz einen Mann getroffen, der eine Farm mit Kühen betreute. Jede Kuh hatte eine Glocke um den Hals gebunden und zerstörte somit die idyllische Stimmung auf der Alm. Als Heiko ihn fragte, warum er den Tieren und sich selbst das antat, antwortete der Mann: „Es ist für die Touristen! Sie halten es nicht aus, wenn es hier zu leise ist und beschweren sich dann, weil sie nicht schlafen können!“

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Nichts anderes machen wir auch in unseren Städten. Wir versuchen mit allen Mitteln zu verhindern, dass wir uns entspannen können, weil wir wissen, dass wir dann spüren, was wir uns selbst tagtäglich antun. Deswegen benötigen wir den Stress, die Highlights, den Trubel, den Lärm und die Reisüberflutung.

Dass dies auf Dauer trotzdem nicht gutgehen kann zeigte sich gleich an einem lebenden Beispiel, ein paar Straßen weiter. Die Kinder in diesem Viertel hatten gerade Schulschluss und folgten uns durch die Straßen. Permanent riefen sie uns etwas zu, wollten irgendetwas wissen, stellten Fragen und machten Witze. Es war jedoch kein einziger Versuch eines ernsthaften Kontaktes dabei, sondern nur eine Aneinanderreihung von aufdringlicher Aufmerksamkeitshascherei. Einen Moment lang ließen wir uns die Flut der Nervensegen gefallen, in der Hoffnung, sie würden von selbst wieder damit aufhören. Dann baten wir sie, uns in Ruhe zu lassen, doch das stachelte sie nur noch mehr an. Es gab kein Gefühl mehr dafür, wie ein angenehmer Kontakt überhaupt aussehen konnte, kein Gefühl dafür, wo die Grenze eines anderen lag und somit übertraten sie sie ohne es überhaupt zu merken. Erst als Heiko mit dem Fuß aufstampfte, laut „HEY!“ rief und sie grimmig ansah, wurde ihnen bewusst, dass sie uns gerade auf die Nerven gingen. Augenblicklich zogen sie sich zurück, hielten einen Moment inne und suchten sich dann eine neue Ablenkung mit der sie sich beschäftigen konnten.

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Außerhalb der Stadt wurde es wieder ruhiger und angenehmer. Die Straße zur Grenze war so gut wie nicht befahren und führte wieder einen neuen Berg hinauf. Noch einmal kamen wir an einen kleinen Ort, in dem wir um etwas zu Essen bitten konnten. Es gab hier nun bereits wieder eine Moschee und die Einwohner waren muslimisch. Wir näherten uns also sichtlich der Grenze zum Kosovo.

Im Wald hinter dem Dorf schlugen wir unser Zelt auf, Wieder wurde es schweinekalt und so beschlossen wir, erneut ein Lagerfeuer zu entzünden, an dem wir uns aufwärmen konnten, bevor wir uns in unser Zelt zurück zogen.

Jetzt, wo es wieder leise war, begann Heikos Ohr zu pfeifen. Auch wir kamen nach der Stadt nun wieder in unsere Entspannungsphase und der Körper zeigte die Symptome der Regenerierung. Doch die lärmende Stadt war kaum der einzige Grund für die Ohrgeräusche. Auch nach der Trennung von Paulina kamen wir nun in eine tiefergehende vagotone Phase, in der alles noch einmal nachwirkte und in uns arbeitete.

Das Feuer erlosch und wir legten uns schlafen. Morgen würden wir Montenegro verlassen und unsere Reise im Kosovo fortsetzen.

Spruch des Tages: Stillness is the altar of spirit – Stille ist der Altar des Geistes.

 

Höhenmeter: 90 m

Tagesetappe: 13 km

Gesamtstrecke: 12.322,27 km

Wetter: bewölkt

Etappenziel: Gemeindehaus der Kirche, 87072 Francavilla Marittima, Italien

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