Tag 567: Grillparty – Teil 2

Noch 4 Tage bis zu Tobias’ 2. Weltreisegeburtstag!

Doch zunächst lautet die Frage, die wir uns selbst stellen sollten: „Wie sehr ähnelt die Situation, die ich mir erschaffen habe, dem Paradies?“ Wir stellten uns die Frage nachdem wir gegangen waren und mussten feststellen, dass unser Grillen nicht sehr viel mit einem Paradies zu tun hatte. Es war laut, unangenehm, roch nach Kuhstall und es gab eigentlich nur Dinge zum Essen, die unserem Körper schadeten. Natürlich waren die Cevapcici ziemlich lecker, genauso wie die Putensteaks und die Schweinskottelets. Nur die Würstchen waren mäßig. Aber abgesehen von dem Putenfleisch, gegen das nichts einzuwenden war, bestand unser Grillen aus dem puren Fleisch, dass man sich aus dicke Stücke Weißbrot legen konnte. Die Gemüsebeilage bestand dabei lediglich aus ein paar Zwiebeln. Ansonsten war es wirklich Fleisch, Fett und Brot. Grillen war ehrlich gesagt auch nicht ganz das richtige Wort dafür, denn zubereitet wurde das Fleisch in einer Elektropfanne, die auf einen großen Stein gestellt und dann zur Hälfte mit Öl gefüllt wurde. Das Einzige, darin waren wir uns einig, was den Besuch überhaupt erträglich gemacht hatte, war die Anwesenheit eines jungen Mädchens gewesen, die später zu uns gestoßen war. Sie war in Frankfurt aufgewachsen und lebte seit etwa 6 Jahren in der Hauptstadt von Montenegro. Da ihre Mutter aus diesem Dorf stammte, kam sie im Sommer immer zum Urlaub machen hier her und sie machte kein Geheimnis daraus, dass sie es hasste. Obwohl sie als Schülerin in Montenegro jährlich 4 Monate Ferien hatte, sehnte sie sich in jeder Sekunde nach Deutschland zurück. Sobald sie ihre Schule beendet hatte, würde sie auch wieder dorthin ziehen, das hatte sie ihren Eltern bereits klar gemacht. Als wir sie fragten warum, sie Montenegro nicht mochte, wollte sie nicht so richtig mit der Sprache raus. „Das Wetter!“ sagte sie schließlich, „Es ist hier im Sommer einfach zu heiß und im Winter regnet es ständig.“

Doch das war nicht der wahre Grund. Der wurde erst später deutlich, als die Männer von der Freundlichkeit der Menschen in Serbien und Montenegro vorschwärmten. „We are really nice Gentlemen!“ – „Wir sind wahre Gentlemen!“ sagte der Mann, der mit dem Mädchen zusammen später gekommen war. Die Männer waren sich einig, dass das stimmte, doch das Mädchen sah es entschieden anders.

„Es gibt solche und solche!“ sagte sie diplomatisch und ließ dabei deutlich durchblicken, dass sie von den Gentlemen noch keine kennengelernt hatte.

Dass die serbische Definition von Gentlemen eine etwas andere war als die britische, ließ sich auch an dem Umgang mit dem Sohn erkennen.

„Hol mit Zigaretten!“ war der erste Satz, den sein Vater zu ihm sagte, als wir uns an den Tisch gesetzt hatten. Der Junge war sofort gesprungen und war auch anschließend rein als Dienstbote anwesend. Er holte das Wasser, brachte Teller und besteck und sorgte für alles, was sonst noch nötig war. Die Frau blieb hingegen im Haus und zeigte sich erst zur Verabschiedung wieder. Dagegen, dass der Junge beim Tischdecken half, war an und für sich natürlich nichts einzuwenden, doch die Tatsache, dass er als einziger keinen Stuhl bekam und sich auf den Boden setzen musste, wirkte schon etwas komisch. Auch seine geduckte Haltung und die Fähigkeit, sich fast unsichtbar zu machen, ließen ihn eher wie einen Sklaven als wie einen geliebten Sohn wirken.

Als wir schließlich den Tisch verließen um weiter zu ziehen, tauchte zum ersten Mal die Frau wieder auf. Sie nahm Paulina in die Arme und wieder tauchte sofort das Gefühl auf, dass sie in ihr eine Leidensgenossin sah. Es war ein bisschen als wollte sie sagen: „Wir Opfer, wir müssen zusammenhalten, oder?“

Der Junge bekam den Auftrag, uns noch ein Stück zu begleiten, damit er uns den Weg zeigen konnte. Nicht dass das nötig gewesen wäre, denn die ersten Kreuzungen auf dem Waldweg waren vollkommen eindeutig, aber dies war die Art der Menschen, uns ihre Höflichkeit und Unterstützung zukommen zu lassen. Wie gesagt, es waren ja keine schlechten Menschen und ihre Einladung war wirklich gut gemeint. Sie kam von Herzen und sie wollten uns damit wirklich etwas Gutes tun. Das wir nicht die Typen für nachmittägliche Saufgelage, derbe Sprüche und laute Streitgespräche ohne Inhalt waren, dafür konnten sie ja nichts.

Die Straße wurde schon bald zu einem Schotterweg, der sich im Wald immer weiter den Berg hinauf schlängelte. Hierbei kam Paulina an ein neues Thema, dass ihr durch den Grillnachmittag präsent wurde: Der Verhungerungskonflikt.

Eines der Themen in ihrem Leben war die Angst davor, nicht genug zu bekommen. Im Grunde ging es dabei um die Angst vor einem Mangel an Liebe, die mir nur allzu gut bekannt war. Wie auch ich hatte sie bereits als Kind Anerkennung mit Liebe gleichgesetzt und war daher ebenso in eine Harmoniesucht geraten wie ich. Nur wenn mich Menschen mögen und mit meinen Handlungen einverstanden sind, werde ich geliebt. Dieser Glaubenssatz führt dazu, dass es uns unglaublich schwer fällt, Entscheidungen zu treffen, die auf andere komisch, unverständlich oder verrückt wirken. Er führt dazu, dass wir jedem Streit aus dem Weg gehen und versuchen immer eine künstliche Harmonie aufrecht zu erhalten, auch dann, wenn eigentlich gerade keine da ist. Dies war letztlich auch der Grund, warum Paulina am Tisch sitzen geblieben ist und nicht gesagt hat, dass ihr die Situation unangenehm ist und sie gerne gehen würde. So etwas machte man schließlich nicht, weil die Menschen sich ja Mühe gemacht hatten und dann sicher endtäuscht wären. Jede Handlung die wir tätigen, geschieht aus liebe zu uns selbst, doch in diese, Fall führt der Glaubenssatz dazu, dass wir uns lieber selbst Vergewaltigen, als zu riskieren, andere zu endtäuschen oder wütend zu machen. Denn die Liebe von anderen, erscheint uns mehr wert, als die Liebe von uns selbst und daher dienen wir uns mehr, wenn wir das tun was andere wollen, als wenn wir nach unserem eigenen Bauchgefühl so handeln, wie es für uns am besten wäre. Dieses Paradoxon tragen unglaublich viele Menschen in sich und es ist eine der Kernursachen dafür, warum wir so viel Leid über uns ergehen lassen. Jede Frau, die bei einem Alkoholiker bleibt, der sie vergewaltigt und schlägt, jeder, der seinen Job behält, obwohl ihn sein Chef täglich erniedrigt, jeder, der seine eigenen Träume aufgibt um es seinen Eltern, seinem Partner oder sonst irgendjemandem Recht zu machen. All diese Menschen tragen den gleichen Satz in sich: „Meine eigene Selbstliebe ist weniger wert als die Liebe von anderen und die bekomme ich nur, wenn ich es ihnen Recht mache. Daher helfe ich mir selbst am Besten, wenn ich mich verleumde und dafür anderen gefalle!“ Erst wenn wir es schaffen, diesen Glaubenssatz aufzulösen, können wir wirklich frei sein.

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Doch an diesem Nachmittag bezog sich der Verhungerungskonflikt noch auf ein viel konkreteres Beispiel. Paulina hatte nicht nur im übertragenen sondern im direkten Sinne Angst zu verhungern. Deshalb schlang sie beim Grillen rein, was das Zeug hielt. Es ging ihr so, wie es mir ergangen war, als ich nach einem Monat im Wald mit nichts als Wildnahrung wieder bei Heikos Eltern zum Essen eingeladen war. Sie hatte das Gefühl, dass sie nie wieder etwas bekommen würde und ihren Körper deshalb mit so viel Nahrungstreibstoff wie möglich druckbetanken musste. Interessanterweise hatte auch der Mann aus Kanada, der neben mir am Tisch saß, die gleiche Angst. Als Heiko und ich mit dem Essen aufhörten, weil wir spürten, dass uns weitere Nahrung keinen Vorteil sondern nur noch ein Schlechtigkeitsgefühl bringen würden, war er ernsthaft besorgt um uns.

„Esst, Leute, esst!“ sagte er immer wieder. Als wir ihm erklärten, dass wir noch laufen müssten und dass wir dazu mit einem geplatzten Magen nicht mehr in der Lage wären, meinte er nur: „Das sagt ihr jetzt! Und in einer Stunde habt ihr dann wieder Hunger!“ Obwohl das Thema nicht einmal ihn selbst betraf, hatte er die gleiche Angst bereits allein dadurch, dass er sich in unsere Situation versetzte. Spannend fand ich jedoch, dass der Mann trotz seiner Sorge nicht auf die Idee gekommen ist, uns anzubieten, dass wir einen Teil des übriggebliebenen Fleisches mitnehmen könnten. Nicht dass wir die Angst nicht ebenfalls kannten und nicht das ich sie bereits abgelegt hätte. Im Gegenteil, mir passiert es auch nach eineinhalb Jahren noch häufig, dass ich mich überfresse und glaube, mich vollstopfen zu müssen, weil es später vielleicht nichts mehr gibt. Das letzte Mal, dass ich es damit wirklich übertrieben hatte, war gerade einmal zwei Monate her, bei unserem ersten Besuch in Bosnien, als wir auf den Pfarrer gestoßen waren, der seinen Geburtstag gefeiert hatte.

Jetzt, da Paulina ihren Wagen auf dem Schotterweg den Berg hinaufziehen musste, bekam auch sie die Rechnung für diese Raffgier. Ihr Magen war kurz vorm Platzen und sie wurde von einem konstanten Übelkeitsgefühl befallen, durch das sie kaum noch laufen konnte. Jeder Schritt wurde zur Qual und dazu kam ein inneres Hassgefühl gegen sich selbst auf. Warum hatte sie sich das angetan?

Knapp hundert Meter weiter vorne hörten wir plötzlich einen lauten Schrei.

„Was war das?“ fragte ich und schaute mich um. Hinter uns lag jedoch nur eine Kurve und so konnten wir keine Paulina sehen. Hatte sie vielleicht auf der holperigen Straße die Kontrolle über ihren Wagen verloren und dieser war gekippt? Wir beschlossen umzukehren und nach ihr zu schauen, doch da kam sie bereits um die Ecke geschnauft. Die Wut war ihr ins Gesicht geschrieben, ebenso wie die Erschöpfung.

„Was war los?“ fragte Heiko. „Wir hatten schon Angst, du wärst seitlich in den Graben gekippt!“

„Ich hatte einfach gerade Lust zu schreien!“ antwortete Paulina und erzählte uns von ihrer Wut auf sich selbst und ihrem rebellierenden Magen. Es ging nicht nur darum, dass sie sich überfressen hatte. Es ging darum, dass sie bereits beim Essen gewusst hatte, dass es soweit kommen würde, dass sie ihr Gefühl jedoch ignoriert und aus Angst vor dem Verhungern weiter gefuttert hatte. Das was ihr so schwer im Magen lag, waren also nicht nur die Cevapcici, sondern auch eine ganze Reihe von Schuldgefühlen. Sie hatte mehrfach ihre eigene Intuition überhört und hatte dadurch die Situation überhaupt erst erschaffen. Anders als bei Heiko und mir, die nur die Atmosphäre bei Tisch als unangenehm empfanden, lastete auf Paulina noch die Gewissheit auf den Schultern, dass sie für die Situation verantwortlich war. Es war ihre Entscheidung gewesen, die Grilleinladung anzunehmen und so konnte sie nur hoffen, dass es nicht in einem Desaster endete. Damit war sie dann auch gleich schon wieder beim nächsten Thema angelangt, der Angst davor, Verantwortung für ihre Entscheidungen zu übernehmen. Denn dies konnte bedeuten, dass Menschen dadurch sauer auf sie wurden, dass sie unzufrieden waren und ihr so die Liebe verwehrten, die sie sich doch so sehr wünschte.

„Wo ist eigentlich der Reis?“ fragte Heiko, als er einen Blick auf ihren Wagen warf. „Eigentlich müsste er doch dort liegen!“

Der Reis, den wir in der kleinen Ortschaft gekauft hatten, bevor wir Richtung Wald aufgebrochen waren, war verschwunden. Für Paulina bedeutete dies, dass sie sich den Wagen abschnallen und die ganze Strecke noch einmal zurückgehen musste, bis sie ihn gefunden hatte. So Leid mir das in diesem Moment auch tat, konnte ich ein leichtes Grinsen doch nicht unterdrücken. Zu oft war ich schon in der selben Situation gewesen und es fühlte sich einfach gut an, einmal nicht der Depp zu sein.

Gleichzeitig war auch diese Situation natürlich nicht umsonst geschehen. Auf Paulina Wagen herrschte das gleiche Chaos wie in ihrem Kopf. Es fehlte einfach jegliche Struktur. In der Zivilisation war das nicht weiter aufgefallen. Dort gab es Wohnungen, die immer an einem Ort blieben und selbst wenn man darin etwas verlor, dann tauchte es früher oder später wieder auf. Oder man kaufte sich eben einfach etwas Neues. Hier jedoch war beides nahezu unmöglich. Wenn etwas verloren ging, dann konnte man es mit ein bisschen Glück noch irgendwo wieder auflesen, wenn man dafür einiges an Energie aufbrachte. Wenn nicht, dann war es für immer verloren. Und selbst mit Geld war man hier aufgeschmissen, denn es gab ja nicht einmal die Möglichkeit etwas einzukaufen. Reis bekam man natürlich in jedem Supermarkt, aber im Wald würde keiner kommen und das bedeutete, dass wir eine Nacht lang hungern mussten, bevor wir wieder an Nahrung kamen. Wenn man hingegen den Wasserbeutel oder gar eine Schlafmatte verschlampte, dann konnte es Wochen und Monate dauern, biss man die Gelegenheit bekam, sich Ersatz zu besorgen. Die einzige Möglichkeit um sich davor zu schützen war es, die ein funktionierendes System zu erschaffen, bei dem man stets wusste wo alles war und bei dem alles einen sicheren Platz hatte. Ich weiß noch genau, wie lange es bei mir gedauert hat, bis ich ein einigermaßen funktionierendes System hatte. Doch wenn ich nun zurückblicke stelle ich fest, dass ich schon lange nichts mehr verloren oder kaputt gemacht habe. (Toi, toi, toi!)

Doch in dem Thema steckt noch mehr. Es geht ja nicht nur um die Ausrüstung, sondern um das ganze Leben. Wer nicht weiß, wohin er will, der geht die dreifache Strecke. Natürlich kann man auch so irgendwie ans Ziel kommen, doch man macht sich damit das Leben unnötig schwer. Es kann sogar sein, dass man sein Ziel erreicht, es nicht einmal merkt und darüber hinaus schießt.

Auf diese Weise wurde Paulina Wagen zu einem ihrer größten Mentoren, der ihr deutlich vor Augen führte, wie sehr sie sich in ihrer Unstrukturiertheit verstrickte. So war sie stets bemüht, ein perfektes System zu finden, in dem der Wagen zu 100% austariert war, in dem sie alles auf anhieb finden und in dem sie den Platz ideal nutzen konnte. Sie wollte ihren Wagen also ebenso zu einem perfekten Wesen formen, wie auch sich selbst. Dabei konnte sie jedoch den aktuellen Zustand nicht akzeptieren. Sie hasste es, dass er unstrukturiert war und dass sie das System, das sie sich wünschte nicht hatte. Noch schlimmer aber war, dass sie nicht einmal eine Idee davon hatte, wie sie dieses System erreichen konnte. Es war eine offene Frage auf die sie keine Antwort hatte und das war für sie unerträglich. Sie hatte gelernt, dass man ein Problem nur dann anerkennen durfte, wenn man auch eine Lösung dafür parat hatte. Solange das nicht der Fall war, versuchte sie es zu ignorieren oder zu leugnen. Sie wollte nichts darüber hören und nahm jeden Hinweis darauf als einen Angriff wahr, da sie sich selbst für das Fehlen der Antwort verurteilte. Dies ist übrigens eine Strategie, die von vielen Menschen und sogar von ganzen Institutionen gerne angewendet wird. Wir haben nur Probleme, für die wir eine Lösung haben. Alle anderen gibt es nicht. Deshalb gibt es in Deutschland offiziell auch keine Straßenkinder. Doch auf diese Weise kann kein Fortschritt stattfinden. Im etwas ändern zu können, muss man zunächst einmal den Ist-Zustand anerkennen. Es ist wie mit einem Alkoholiker, der leugnet ein Alkoholproblem zu haben. Solange er das tut, kann er seine Sucht niemals beenden. Erst in dem Moment, in dem er sich seine Sucht eingesteht und in dem er vor sich selbst zugibt, dass er keine Ahnung hat, wie er aus seiner Spirale herauskommen soll, ist eine Wandlung möglich.

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Der zweite Schritt, den Paulina für sich erkennen musste, war der, dass sie nur dann eine Lösung für ihr Strukturproblem finden konnte, wenn sie sich auch für ihre Unstrukturiertheit lieben konnte. Alles, was wir je in unserem Leben getan haben, war das beste, das wir tun konnten. Und somit ist auch jeder Zustand, in dem wir uns gerade befinden, wie schmerzhaft, lästig oder unangenehm er uns auch erscheinen mag, der beste Zustand den wir gerade erreichen konnten. Die Unstrukturiertheit, diente also einem wichtigen Zweck, der ihr zu irgendeinem Zeitpunkt ihres Lebens einmal gute Dienste geleistet hat und vielleicht noch immer leistet. Die Frage ist also: Wozu dient sie?

Ein Thema war hierbei wieder die Angst vor der Verantwortung. Denn strukturiert sein bedeutet erwachsen sein, was wiederum heißt, dass man auch zu seinen Handlungen stehen muss, mit all den Konsequenzen, die das haben kann.

Solange sie den Ist-Zustand nicht anerkannte, war in ihr lediglich der Drang, besser zu sein, als sie sich im Augenblick selbst empfand. Im Klartext bedeutete dies, sie hatte von sich das Selbstbild: „Ich bin nicht richtig!“

Dieses Selbstbild führt jedoch dazu, dass man sich selbst ununterbrochen verurteilt und zumindest in Gedanken für jeden seiner „Fehler!“ bestraft. Ohne aber zu wissen, was man besser machen konnte, war man dadurch wie eine Ameise, die ihre Duftspur verloren hatte und nun nur noch verwirrt im Kreis lief. In Paulina Fall bedeutete dies, dass sie täglich eine neue Technik für das Packen ihres Wagens entwickelte, ohne sich die alten aber zu merken. Auf diese Weise verbrachte sie Stunden mit dem Ein- und Auspacken und geriet dabei immer mehr in Stress. Doch worin lag das eigentliche Problem?

Das Problem lag darin, dass das Nomadenleben für sie absolut neu war und sie daher überhaupt nicht wusste, ja nicht einmal wissen konnte, wie ein optimal gepackter Wagen aussah. Täglich alles neu zu verändern konnte also nur durch reinen Zufall zu einer besseren Lösung führen, doch da sie sich nicht merkte, wie sie packte, gingen auch solche Zufallstreffer nach einem Tag wieder verloren. Um überhaupt Fortschritte zu machen musste sie zunächst einmal beobachten lernen. Sie musste sich angewöhnen, den Wagen immer genau gleich zu packen, so lange, bis sie jeden Handgriff auswendig wusste. Übertragen auf das Leben bedeutet dies, dass man sich zunächst einmal selbst ganz genau beobachtet, ohne etwas verändern zu wollen. Es ist eine Art Kennenlernphase mit sich selbst. Wenn man in einen neuen Betrieb kommt und dort als Auszubildender anfängt, dann ist es meist auch keine gute Idee, sofort alles auf den Kopf stellen zu wollen. Natürlich ist es oft so, dass man von der ersten Sekunde an Merkt, dass die vorhandenen Strukturen an vielen Stellen nicht besonders sinnvoll sind. Doch um sie wandeln zu können, muss man sie verstehen und das bedeutet, dass man sie zunächst einmal wachsam beobachtet. Es bedeutet nicht, dass man sie als gegeben hinnimmt, sich ihnen unterordnet und von nun an glaubt, sie seien das Optimum. Es bedeutet nur, dass man sich in sie hineinversetzt um zu erkennen, welche Ursächlichkeiten sie haben. Dann und erst dann, kann man anfangen, einige Punkte zu wandeln, so dass sie ein funktionierendes System ergibt. Nur wenn man den Ist-Zustand kennt und annimmt, kann man auch eine Veränderung erkennen und bewerten, ob sie in eine positive oder eine negative Richtung geht.

Nehmen wir noch einmal ein anderes Beispiel, um das ganz deutlich zu machen. Seit Jahrzehnten wird in der Krebsforschung an einer Heilung von bösartigen Tumoren durch Chemo-Therapie geforscht. Dabei gehen wir von der These aus, dass Krebszellen bösartige Killerzellen sind, die versuchen, unseren Körper zu zerstören. Um das zu verhindern, experimentieren wir an den Todeskandidaten mit ständig neuen Giftmischungen herum, die die Krebszellen vernichten, den Menschen dabei aber nach Möglichkeit nicht umbringen sollen. Das kann natürlich nicht funktionieren, da der die Tumorzellen ein Teil des menschlichen Körpers sind und hier auch eine wichtige Aufgabe erledigen. Tötet man diese Zellen ab, vergiftet man damit auch den Rest des Menschen und trägt damit wesentlich mehr zu seinem Tod bei, als der Krebs selbst. Die Mehrheit der Onkologen nimmt sich jedoch nicht die Zeit, diesen Ist-Zustand zu beobachten und wirklich auszuwerten. Stattdessen wird mit immer neuen chemischen Giftcocktails herumexperimentiert, wobei die Ergebnisse nicht einmal in einer Studie zusammengefasst werden. Jeder Arzt muss also immer wieder komplett bei Null beginnen und auch wenn es ihm gelingt einen Zufallstreffer zu erzielen, also einen Giftcocktail, der den Patienten nicht ganz so arg schädigt wie die anderen, dann kann trotzdem kein anderer Patient davon profitieren. Das Ergebnis ist ein medizinischer Forschungszweig, der seit Jahrzehnten Milliardenbeträge verschlingt, ohne je auch nur den geringsten Fortschritt zu machen. Und das obwohl bereits seit langem Wege bekannt sind, mit denen man Krebs vollkommen heilen kann. Aber das ist ein anderes Thema.

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Das gleiche Prinzip findet sich jedoch in vielen Lebenslagen wieder und das nicht nur bei Paulina und Onkologen. Dadurch, dass wir uns unseres Ist-Zustandes nicht bewusst werden und keine Struktur in unseren Lernprozess bringen, machen wir alles doppelt und dreifach und verschwenden auf diese Weise Unmengen an Lebensenergie. Energie die wir sonst für ganz andere Dinge einsetzen könnten. Zum Spaß haben beispielsweise und für Leichtigkeit im Leben.

Die Grillmänner hatten uns erzählt, dass es rund zwei Kilometer nach Ortsausgang eine Quelle gab, von der wir frisches Wasser holen konnten. So wie es bei ihrer Beschreibung klang, handelte es sich dabei um ein Wasserbecken, das mit Quellwasser gespeist wurde, und das sich direkt am Wegesrand befand. Doch nachdem sich der Weg in Serpentinen den Berg hinaufgewunden hatte und der kleine Bachlauf, der uns bis dahin begleitet hatte plötzlich verschwunden war, sank unsere Hoffnung, dass eine derartige Quelle noch kommen würde. Unsere Wasservorräte waren weitgehend erschöpft und vor allem Paulina geriet langsam in Panik. Dem Verhungerungskonflikt vom Essenstisch folgte nun die Angst vor dem Verdursten. Es dauerte nicht lange und sie spürte bereits Kopfschmerzen und Schwindelgefühle. Rein körperlich war das unmöglich, denn den letzten Schluck hatte sie ja gerade erst getrunken, doch ihre Psyche trieb ordentliche Spiele mit ihr. Hinzu kam, dass sie in der letzten Pause bei einer spaßigen Kabbelei Heiko den Rest ihrer Trinkflasche über den Kopf gekippt hatte. Die Freude über diesen Scherz wich langsam dem Schuldbewusstsein über die Verschwendung von Lebenswichtigen Ressourcen.

„Keine Panik!“ versuchte Heiko sie zu beruhigen, „Du bist nun mal ein spielerisches Wesen und wenn das deine Natur ist, dann versteht Mutter Erde den Spaß auch. Sie wird dir schon wieder neues Wasser schenken.

Auf ihrem Weg zum Reis hatte Paulina jedoch so etwas wie eine Quelle entdeckt und damit stieg die Angst in ihr, dass wir vielleicht die letzte Chance an Wasser zu kommen verpasst hatten. Auch Heiko und ich beschlich langsam das Gefühl, dass er hier oben eher trocken aussah. Nicht im Sinne von wirklich trocken, es war durchaus ein Feuchtgebiet in dem es vor Insekten nur so wimmelte. Aber trinkbare Flüsse, Bäche oder gar Quellen schien es nicht zu geben. Paulina wollte bereits umdrehen und zurück zum Ort gehen, doch wir beschlossen, dass es besser war, zunächst einen geeigneten Schlafplatz zu finden. Kaum hatten wir uns für eine Stelle entschieden, kam auch schon ein Auto vorbei, das in Richtung Ortschaft fuhr. Eigentlich wollte ich ihn fragen, ob er mich bis zur Quelle mitnimmt, doch stattdessen reichte er mir einen 5l. Kanister, mit dem wir unsere Beutel wieder füllen konnten. Das war zwar nicht genug für die Nacht, aber es reichte erst einmal für den Nachmittag. Da war es wieder, das gute alte Thema mit dem Vertrauen. Man musste sich nicht anstrengen, es gab von allem genug und nichts war unmöglich. Wenn das Vertrauen groß genug war, dann konnte man alles erschaffen, das man zum Leben brauchte, ohne dass es eine Arbeit war.

Und hierin bestand ein weiteres Paradoxon, dass Paulina ebenso wie viele andere Menschen auch, in ihr Weltbild gebaut hatten. Auf der einen Seite gab es dieses vollkommen ungerechtfertigte Vertrauen in die Freundlichkeit der Menschen, auf der anderen Seite fehlte es aber vollkommen an Vertrauen in die Welt. Wir haben von unseren Eltern und in der Schule gelernt, dass die Welt ein grausamer und bösartiger Ort ist, an dem wir uns vor allem schützen müssen. Gleichzeitig haben wir aber auch gelernt, dass es wichtig ist höflich zu sein und das zu tun, was andere von einem verlangen. Wachsamkeit ist keine Fähigkeit, die in unserer Gesellschaft einen hohen Wert hat. Wer wachsam ist, der ist schnell unbequem und da er all die Fehler in der künstlichen Matrix erkennt, die wir Zivilisation nennen, macht er sich das Leben nur unnötig schwer. Besser ist es, sich in die Angstkontrolle zu fügen und als ein Lemming von vielen der Masse hinterherzulaufen. Wachsamkeit ist jedoch der Schlüssel für beides. Nur wer wachsam ist, kann die Hinweise sehen, die ihn vor einem Menschen mit unlauteren Absichten warnen, so dass er sich vor gefährlichen und unangenehmen Situationen schützen kann. Gleichzeitig kann auch nur ein wachsamer Mensch die vielen Geschenke und Zeichen der Natur wahrnehmen, die ihm das Leben in Freiheit zum Paradies machen.

Wir packten unsere Solarsegel und die Zelte aus und wollten gerade mit dem Aufbau beginnen, als Heikos rechtes Ohr wieder laut zu pfeifen begann. Er hielt es sich mit einem Finger zu und meinte dann kurz: „Ich geh ein bisschen Spazieren!“

Als er wieder kam waren wir mit dem Zeltaufbau bereits fertig. Er war noch immer schweigsam und es war klar, dass das Thema noch nicht abgeklungen war. Erst kam er zu mir, dann zu Paulina und bat uns beide um einen Muskeltest, bei dem wir zunächst nicht wussten, worum es ging. Anschließend bat er Paulina, mit in unser Zelt zu kommen und eine Heilmeditation anzuleiten. Das war es also gewesen, er hatte getestet, wer der passende Heiler für diesem Moment war. Die Meditation war sehr eindringlich und hat einiges bewirkt, doch da ich vor dem Zelt saß und an diesem Text hier schrieb, kann ich wenig dazu sagen. Dies wird Heiko in den kommenden Tagen selbst übernehmen.

Anschließend machte er sich selbst noch einmal auf den Weg zur Quelle, um von dort Wasser zu holen. Dabei sah er einige große und zum Teil auch nicht ganz ungiftige Schlangen im Unterholz. Später entdeckten wir dann sogar noch einen großen Haufen mit Bärenscheiße. Das alles war zwar spannend und führte auch dazu, dass wir wachsamer wurden, doch es beunruhigte uns bei weitem nicht so sehr, wie die Tatsache, dass am späten Abend noch eine ganze Gruppe Menschen an unserem Camp vorbeiliefen. Später folgte dann sogar noch ein Reiter. War man den wirklich nirgendwo vor diesen unberechenbaren Zeitgenossen sicher?

In dieser Nacht blieben wir von diesen beiden Begegnungen abgesehen jedoch ungestört. Der Wald schützte uns und sogar Paulina schlief trotz der Möglichkeit, einem wilden Tier zu begegnen besser, als in den Nächten zuvor. Zu diesem Zeitpunkt ahnte sie jedoch noch nicht, wie sehr sie schon bald den Schutz des Waldes lieben würde.

Spruch des Tages: Keine Angst, es ist genug für alle da!

 

Höhenmeter: 90 m

Tagesetappe: 11 km

Gesamtstrecke: 10.111,77 km

Wetter: sonnig und heiß

Etappenziel: Zeltplatz im Wald, Zljebovi, Bosnien und Herzegowina

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