Tag 571: Tobias 30. Geburtstag

In den letzten Tagen ist so viel passiert, dass ich davon noch gar nicht alles berichten konnte. Paulina hat wieder neuen Wind in unsere Herde gebracht und damit auch eine ganze Menge Action, die wir nicht einfach so unter den Tisch fallen lassen können. Trotzdem möchte ich heute erst einmal von dem erzählen, was heute los war, denn irgendwie finde ich es komisch, von meinem Geburtstag zu erzählen, wenn dieser bereits eine Woche her ist. Obwohl wir eh beschlossen haben, dass wir ein lieber Geburtswochen als Tage feiern. Denn irgendwie hat man ja schon so einige Wünsche und wenn man die auf einen einzigen Tag fixiert, dann ist man sehr schnell enttäuscht. Innerhalb einer Woche kann aber eine ganze Menge passieren und wenn man dann die schönsten Momente zusammennimmt, dann wird es auf jeden Fall eine gute Zeit. Ohne diesen Gedanken würde ich mich sicher ein bisschen komisch damit fühlen, genau an meinem Geburtstag in einem abstellkammergroßen Räumchen neben der Kirche schlafen zu sollen und dann auch noch Internet zur Verfügung zu haben, was in erster Linie jede Menge Arbeit bedeutet. Andersherum kann man aber auch sagen, dass wir nun nach einer wirklich langen Durststrecke zum ersten Mal seit einer Woche wieder einen Indoor-Schlafplatz bekommen haben, an dem wir sogar ins Internet können.

Ansonsten verlief der Tag angenehm ruhig, wenn man von einigen Ausnahmen absieht.

In der Früh um halb acht wurden wir recht unsanft von zwei Wanderern geweckt. Sie hatten absolut noble Absichten und meinten es wirklich lieb, nur an der Umsetzung haperte es noch ein bisschen. Der Mann war uns bereits am Abend begegnet und hatte mitbekommen, dass wir hier im Wald zelten wollten. Daher kam er nun in der Früh um uns eine Tüte mit Obst und Gemüse vorbeizubringen. Wie gesagt, es war wirklich nett gemeint. Nur fehlte es leider ein bisschen an einem Verständnis darüber, dass Menschen vielleicht auch schlafen wollten.

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„HALLO! SEIT IHR SCHON WACH?“ schrie es bereits von weitem. Normalerweise wäre man wahrscheinlich erst einmal vorsichtig ans Zelt getreten und hätte dann leise geflüstert: „Entschuldigung, schlaft ihr noch? Wir haben euch etwas mitgebracht!“Wenn dann niemand antwortet hätte man die Tüte wahrscheinlich einfach hingestellt und wäre gegangen. Vielleicht hätte man noch einen Zettel beigefügt. Hier handhabte man das jedoch etwas anders. Da wir nicht reagierten hatten wir ihre Frage offensichtlich nicht richtig verstanden und so wiederholte der Mann sie noch einmal, nur mit noch etwas mehr Nachdruck: „HALLO! SEIT IHR SCHON WACH?“

Noch immer hofften wir darauf, dass wir die Situation einfach durch Todstellen lösen konnten, aber die beiden ließen nicht locker. Also kroch ich verschlafen aus dem Zelt und schaute sie an.

„Guten Morgen!“ sagte die Frau freundlich, „Ich hoffe, wir haben euch nicht geweckt! Hier ist etwas Obst und Gemüse für die Reise!“

„Danke!“ sagte ich schlaftrunken und fiel in den Schlafsack zurück.

Als Heiko später die Tüte unter die Lupe nahm, freute er sich nur zum Teil. Es war ohne jede Frage klasse, dass wir das Essen geschenkt bekommen hatten, doch es war hauptsächlich schweres Gemüse, das man nur gekocht essen konnte. Er musste es also den ganzen Tag lang tragen, was vor allem deshalb etwas heikel war, da wir uns mitten in der Pampa befanden.

Die erste Geburtstags-SMS die ich bekam, war von Heikos Eltern, gleich in der Früh. Sie wünschten mir einen schönen Tag und schickten liebe Grüße. Die SMS von meinen eigenen Eltern kam dann am Mittag und bestand aus einem schlichten „Alles Gute zum 30. Geburtstag!“ Ich weiß noch immer nicht so ganz, was ich davon halten soll. Auf der einen Seite habe ich bereits damit gerechnet, dass es genauso werden würde, auf der anderen Seite fühlte es sich aber dennoch komisch an.

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Bevor wir in den Tag starteten, bekam ich erst einmal Hausarrest von Paulina verordnet. Oder in diesem Fall Zeltarrest. Draußen wurschtelten die beiden mit irgendetwas herum, das sich nach Luftballons anhörte und als ich dann schließlich wieder ins Freie durfte, war mein ganzer Wagen mit lauter bunten Ballons geschmückt. Besonders lange hielt die bunte Pracht leider nicht, denn die meisten Ballons fielen nach kurzer Zeit der Hitze oder dem dornigen Gestrüpp zum Opfer, durch das wir uns schlagen mussten. Denn Odzak war ein winziger Ort, der mitten im Nirgendwo lag. Um von hier aus in die nächste Stadt zu kommen mussten wir erst einmal querfeldein den Berg hinunter wandern. Ohne den einheimischen Führer, der sich bereit erklärte, uns zu begleiten und uns den Weg zu zeigen, hätten wir es niemals gefunden. Zunächst musste man auf einen überwachsenen Feldweg abbiegen, dann mitten über eine Obstwiese, am Gemüsebeet einer alten Frau vorbei, durch ihren Garten. Anschließend musste man das Gatter öffnen und auf einem schmalen Kamm bis zu einem Haus wandern, das überhaupt keinen Anschluss an die Zivilisation mehr hatte. Hier ging es dann wieder durch den Garten und auf der anderen Seite wieder hinaus über eine Wildwiese mit übermannshohen Gräsern. Bis hier hin begleitete uns der Mann. Dann mussten wir alleine weiter. Den Hang hinunter, durch die Büsche und auf einer schmalen Brücke den Fluss überqueren. Anschließend gelangten wir zu einem Wasserkraftwerk, dass die ganze Gegend mit Strom versorgte. Dies war der Arbeitsplatz des Mannes, der uns die Gemüsetüte gebracht hatte. Wir waren also gerade seinen Arbeitsweg gegangen, den er jeden Morgen und jeden Abend zurücklegte. Wollte er mit dem Auto fahren, so musste er einmal außen um das ganze Tal herum und auf der anderen Seite wieder hinein. Das war dann eine Strecke von mehr als 25km.

Vom Kraftwerk aus mussten wir dann einfach nur noch einer kleinen Asphaltstraße folgen, bis wir auf die Hauptstraße kamen. Kurz darauf erreichten wir Milici. Die Stadt war nicht ganz so grausam wie die letzte, aber trotzdem weit davon entfernt schön zu sein. Da wieder einmal Samstag war, gestaltete sich die Zeltplatzsuche mehr als nur schwierig. Auch in der Stadt hatten wir zunächst kein Glück. Es gab zwar ein Motel, doch dort hatte sich eine ganze Hochzeitsgesellschaft versammelt, der wir lieber nicht beiwohnen wollten. Mit betrunkenen Bosniern hatten wir in letzter Zeit mehr als genug Erfahrungen gemacht.

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Schließlich erreichten wir etwas außerhalb der Stadt eine orthodoxe Kirche, deren Pfarrer uns den besagten Hühnerverschlag anbot. Zu zweit war es eng, zu dritt eigentlich unmöglich. Es funktionierte nur, weil wir noch einen zweiten Raum in einem Rohbau bekamen. Dennoch erwies sich der Raum als Glücksgriff, denn jetzt wo ich hier unter dem Vordach sitze und schreibe bricht gerade wieder ein Gewitter über uns herein. Eines von der Sorte, die wunderschön ist, wenn man sie aus einem trockenen Versteck beobachten kann, in die man aber lieber nicht direkt hinein gerät.

Alles in allem ist es also ein ruhiger, angenehmer Tag. Und die Wünsche mit grillen, baden im See und der gleichen mehr können ja auch zu einem anderen Zeitpunkt in meiner Geburtswoche noch eintreffen.

Spruch des Tages: Krass! 30!

 

Höhenmeter: 30 m

Tagesetappe: 15 km

Gesamtstrecke: 10.158,77 km

Wetter: sonnig und heiß, nachmittags mit heftigem Gewitter

Etappenziel: Miniraum im Gemeindehaus der orthodoxen Kirche, Milici, Bosnien und Herzegowina

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