Tag 689: Wanderroute durch den Kosovo

 Am kommenden Morgen brachen wir wieder früh auf und wanderten bis in eine kleine Ortschaft, in der uns der Besitzer der einzigen Bar ein Frühstück spendierte. Es war frisch und nebelig, aber für eine Frühstückspause gerade noch warm genug. Und die Stärkung war wichtig, denn kurze Zeit später folgte ein Poweranstieg mit 500 Höhenmetern in engen Serpentinen, der uns mit leerem Magen noch deutlich mehr zu schaffen gemacht hätte, als er es eh schon tat. Oben auf dem Pass gab es einige Hotels und Cafés, in denen wir jedoch weder einen Schlafplatz noch etwas zu Essen bekamen. Dafür konnten wir das Internet nutzen, was wir nach der langen Pause auch ausgiebig taten. Der Haken dabei war nur, dass wir dadurch ein bisschen das Zeitgefühl verloren so dass es bereits spät am Nachmittag war, als wir uns wieder an den Abstieg wagten. Einige Serpentinen tiefer wurden wir von einem dunkelgrünen Auto überholt, das neben uns anhielt. Zwei junge Menschen aus Deutschland stiegen aus und begrüßten uns. Sie kamen aus Pfarrkirchen, dem Heimatort eines ehemaligen Praktikanten und guten Freundes von uns, den die junge Frau sogar kannte.

Das auffälligste an der jungen Frau waren ihre pinken Haare. Ihr Freund, der nicht ihr Freund sondern nur ihr Kumpel war, stammte aus der Türkei und musste in ein paar Tagen in Istanbul sein. Dort wollte er auf eine Hochzeit gehen. Er war ein lockerer und freundlicher Kerl, mit dem man sich gut unterhalten konnte und der uns außerdem gleich noch einige Reisetipps für die Türkei mit auf den Weg gab. Die Idee des Roadtrips wurde aus der Hochzeitseinladung geboren. Wenn er eh den weiten Weg bis in die Türkei zurücklegen musste, dann konnte man ihn auch gleich etwas schöner gestalten und eine kleine Reise daraus machen. Die Mutter der pinkhaarigen Dame wollte es ihr zunächst verbieten, weil sie es für zu gefährlich hielt, wenn die junge Frau ganz alleine von Istanbul wieder zurück nach Deutschland fuhr. Nach kurzer Überlegung sah sie dann aber ein, dass sie bei einer dreißigjährigen Tochter kaum das Recht dazu hatte, ihr zu sagen, was sie tun oder lassen sollte. Also wurde ein neuer Plan geschmiedet und der Vater entschied sich kurzerhand dafür, nach Istanbul zu fliegen und von dort aus mit seiner Tochter zurück zu fahren.

Wir erzählten ein bisschen von unserer Reise und auch davon, dass wir bis vor kurzem noch zu dritt unterwegs gewesen waren. Als wir zum Thema Opferbewusstsein und Anziehung von potentiellen Tätern kamen, sagte sie etwas, das ich erstaunlich fand. Denn obwohl die junge Frau nicht den Anschein eines leichten Opfers machte, sondern eher wirkte, als könne sie sehr deutlich machen, wo ihre Grenzen waren, die nicht überschritten werden durften, war sie sich anders als Paulina der Gefahr vollkommen bewusst, die mit der man als reisende Frau leben musste.

„Wenn ich nicht wüste, dass ich die meiste Zeit des Tages im Auto sitze und wenn ich nicht zusammen mit einem wirklich großen und starken Mann reisen würde, dann würde ich beispielsweise niemals eine kurze Hose anziehen. Klar, ist die hier nicht aufreizend, aber für die Männer hier reicht es aus und man muss ja nichts provozieren, wenn es nicht sein muss.“

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Da wir noch einen Schlafplatz brauchten und die beiden noch eine ordentliche Fahrtstrecke vor sich hatten, verabschiedeten wir uns und machten uns jeder wieder auf seinen Weg. Die Serpentinen endeten in einem Canyon, dessen Boden sich hinter einem steilen Abhang verbarg. Es wirkte fast so, als würde man bis zum Erdkern hinunterfallen, wenn man diesen Hang hinunterpurzelte. Ebene Flächen, auf denen man hätte zelten können gab es hier nicht also blieb uns nichts anderes übrig, als weiterzuwandern.

An einem kleinen Häuschen stand gerade ein Mann und strich seinen Zaun. Er wirkte freundlich und so baten wir ihn um etwas zu essen. Sofort gab er seiner Frau bescheid, die uns auf der Terrasse einen Tisch herrichtete und uns ein komplettes Abendessen servierte. Sie war fast ein bisschen enttäuscht, als wir schließlich kurz vorm Platzen waren und keine weiteren Speisen mehr annehmen konnten.

Nach dem Essen dämmerte es bereits, doch da wir nun nicht mehr kochen mussten, was das nicht mehr ganz so schlimm. Zumindest für den Anfang. Später wurden wir doch etwas unruhig, weil es wirklich gar keine Übernachtungsmöglichkeit zu geben schien. Als sich der Canyon dann schließlich verbreiterte und man sogar einen Boden erkennen konnte, waren wir auch schon in der nächsten Stadt. Hier gab es zwar Plätze aber auch eine riesige, lärmende Holzfabrik und gleich zwei sich kreuzende Hauptstraßen. Damit war Schlafen genauso unmöglich, wie in Schräglage.

Mit dem letzten bisschen Licht durchsuchten wir die Stadt nach möglichen Wiesen und Gärten, die als Zeltplatz geeignet waren. Abseits der Straße fanden wir ein großes Grundstück mit Obstbäumen, das zu einem kleinen Haus gehörte. Ich klingelte und fragte, ob es OK wäre, wenn wir für eine Nacht unser Zelt irgendwo hinten auf die Wiese stellten. Die alte Frau sah mich entgeistert an und lehnte entschieden ab. Wir könnten ja auf dem Schulhof zelten, meinte sie. Ich spürte dass ich sauer wurde und verließ wütend ihren Garten. Bereits in diesem Moment war mir schon bewusst, dass die Wut nichts mir ihr zu tun hatte. Klar war es nicht besonders nett, aber es war immerhin ihr Garten und sie hatte alles Recht, Angst vor Fremden zu haben, die darin zelten wollten. Warum also war ich wirklich sauer? War ich frustriert, weil ich selbst Angst hatte, dass wir keinen guten Platz mehr finden würden? Oder waren es tiefere Themen, die gerade auftauchten?

Ich hatte nicht die Zeit, mir Gedanken darüber zu machen, denn erst mussten wir unser Nachtlager organisieren. Hinter dem Grundstück der alten Dame fiel der Berghang noch einmal steil ab. Darunter war eine Flachebene mit nur wenigen Häusern. Wenn es hier irgendwo eine Chance gab, dann war es da unten. Wir machten uns an den Abstieg und liefen dabei direkt auf ein Haus zu, vor dem ein Mann gerade Paprikaschoten zerkleinerte. Er grüßte uns schon von weitem und hatte nichts dagegen, dass wir neben seinem Haus zelteten. Im Gegenteil, er versorgte uns sogar mit Wasser, Saft und noch einer Kleinigkeit als Betthupferl. Außerdem erfuhren wir von ihm noch einige wichtige Infos über unseren weiteren Streckenverlauf. Wir hatten es ja schon vermutet, aber nun wurde es amtlich: Die Grenze, die ich ursprünglich für den Weg in den Kosovo ausgesucht hatte, war zwar offen, jedoch nicht mit einem Grenzposten besetzt. Wenn wir hier passieren wollten, dann mussten wir ohne Stempel, also illegal in den Kosovo einwandern. Das war keine Option. Morgen brauchten wir also einen neuen Plan für eine neue Grenze und wie es aussah, würden wir noch ein oder zwei Tage länger in Montenegro bleiben als gedacht.

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Zunächst jedoch mussten wir ohne Plan weiterziehen. Der Weg war nicht weiter kompliziert, da wir einfach immer der Hauptstraße folgen mussten. Dafür, dass sie eine Hauptstraße war, war sie sogar ganz erträglich. Es herrschte kaum Verkehr und von den wenigen Autos, die uns überholten gab es nur sehr wenige, die so verrückt fuhren, dass man um sein Leben fürchten musste. Als wir schließlich die Stadt erreichten, versuchten wir zunächst ein Hotel aufzutreiben, in dem wir übernachten konnten. Irgendwie mussten wir es schaffen, ins Internet zu kommen und da war es das Beste, eine gemütliche Unterkunft zu bekommen, in der wir gleich einen Wi-Fi-Empfang hatten. Doch die Mission blieb erfolglos. Fast niemand sprach Englisch und ohne eine aussagekräftige Erklärung, was wir machten, wer wir waren und warum es eine gute Idee war uns zu unterstützen, standen die Erfolgschancen schlecht. Wieso hätte man auch einen Menschen aufnehmen sollen, der in verdreckten und verschwitzten Klamotten in der Rezeption auftauchte, kaum ein Wort der Landessprache sprach und dann noch darum bat, ein Zimmer für umsonst haben zu können? Nicht, dass dies nicht auch schon funktioniert hätte, keine Frage, aber man konnte niemandem böse sein, wenn er ablehnte.

Wir brauchten also einen Plan-B. Dieser bestand daraus, dass wir in einem kleinen Wettbüro für Sportwetten und allerlei Glücksspiele um einen Tisch am Rande und einen wLAN-Schlüssel baten. Das funktionierte hervorragend und auch wenn der Platz nicht zu den schönsten der Welt gehörte, so war er doch deutlich angenehmer als ein verqualmtes, lautes Café voller grölender, betrunkener Männer. Hier kam man lediglich zum Spielen her und das machte man vornehmlich im Stillen.

Wir brauchten fast den ganzen Nachmittag dafür um alles zu erledigen, was es zu erledigen galt. Der Blog musste auf Vordermann gebracht werden um Paulinas Privatsphäre zu schützen, da sie ja nun nicht länger Teil unserer Herde war. Darüber hinaus brauchten wir neues Kartenmaterial für die Weiterreise und wenn wir im Kosovo nur halb so schlecht ins Netz kamen wie hier, dann brauchten wir ordentlich Vorlauf, damit wir nicht komplett verloren gingen. Unser Besuch in diesem Wettbüro war auch das vorletzte Mal, dass wir Kontakt zu Paulina hatten. Sie war bei Facebook online und schrieb eine ganze Weile mit Heiko. Dabei erfuhren wir von ihrer Reise nach Mazedonien und sie beteuerte mehrfach, dass die Trennung für sie noch kein endgültiges Ende für sie war. Sie war sich vollkommen im Klaren darüber, dass es eine reine Flucht vor sich selbst war und dass sie auf Dauer nicht vor sich würde fliehen können. Nur ein bisschen Abstand bräuchte sie, damit sie sich selbst noch einmal sortieren könne. Sie konnte nicht sagen wann, aber irgendwann würde sie sich fangen und dann würde sie bereit sein, um ein vollwertiges Mitglied unserer Herde zu werden. Wir sollen sie nicht aufgeben, bat sie immer wieder. Sie sei noch immer auf dem Weg und eines Tages würde sie wieder zu sich selbst und auch zu uns zurückfinden.

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„Versprechen können wir nichts“, antwortete Heiko, „aber wir bleiben für alles offen. Es kommt, wie es eben kommt und wenn sich unsere Wege wieder kreuzen und du mit ganzem Herzen bei uns sein kannst, bist du willkommen.“

Drei Tage später bekamen wir eine SMS. Darin erklärte Paulina in kurzen, schmucklosen aber klaren Worten, dass sie den Kontakt zu uns vollständig abbrechen wolle und auch keine Nachrichten mehr von uns wünsche. Seither, herrscht Funkstille.

Es dämmerte bereits, als wir alles erledigt hatten, was wir erledigen wollten. Wir bedankten uns beim Wettbüro-Besitzer für seine Gastfreundschaft und machten uns auf den Weg aus der Stadt. Weit kamen wir an diesem Abend nicht mehr. Wir durchquerten einen Park und hielten uns dann auf Nebenstraßen, bis wir direkt vor einem steilen Berghang landeten, der uns den Weg versperrte. Hier gab es nun keine Straßen mehr, die weiter geradeaus führten und der einzige Weg aus dem Tal führte über die Hauptstraße. Dort einen ruhigen Platz zu finden war schier unmöglich, also bogen wir nach rechts in ein kleines Dorf ab und suchten uns eine abgelegene Wiese, etwas oberhalb der Häuser. Beim Zeltaufbau war es bereits dunkel. Schnell lief ich ins Dorf zurück und bat einige der Anwohner um etwas zu Essen. Mit erstaunlich schlechtem Erfolg. Bei Dunkelheit hatten die Menschen hier offensichtlich noch mehr Angst vor Fremden als normal und so bekam ich hauptsächlich zugeschlagene Türen. Am Ende musste ich einsehen, dass es keinen Zweck hatte und kehrte mit nichts weiter als ein bisschen Wasser und fünf Keksen zu unserem Lager zurück.

 

Spruch des Tages: Wie reich könnte die Welt sein, wenn wir unseren Kindern nicht unsere eingeschränkte Meinung aufzwängen würden! Nie sind wir dem göttlichen näher, denn als Kinder.

 

Höhenmeter: 20 m

Tagesetappe: 10 km

Gesamtstrecke: 12.309,27 km

Wetter: bewölkt

Etappenziel: Gemeindehaus der Kirche, 87076 Villapiana Scalo, Italien

Hier könnt ihr unser und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

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