Tag 700: Der Staudamm

Eines musste man dem Regen hier lassen. Er war konsequent. Wenn er einmal angefangen hatte, dann zog er sein Ding auch durch und tat nicht nur so, als wollte er die Erde ein bisschen Nass machen. Mehrmals in der Nacht musste ich an unsere Zeit in Italien denken. Zum glück befanden wir uns hier, denn wenn wir dort von einer solchen Sintflut überrascht worden wären, dann würden wir nun mitsamt dem Zelt weit draußen auf dem See schwimmen. Doch hier war Regen für den Boden einfach kein Problem. Er sickerte in die Erde und das war’s.

Leider hatte unsere Regenkleidung offensichtlich ein bisschen zu viel Zeit mit dem hiesigen Boden verbracht, denn sie hatte sich die gleiche Taktik abgeschaut. Wenn der Regen auf sie fiel, dann sickerte er einfach hindurch und das war’s. Zumindest aus Sicht der Regenjacken, denn aus unserer Perspektive fing das Theater damit ja eigentlich erst an.

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Da es sowohl beim Zusammenpacken als auch beim Wandern regnete und wir ohnehin schon nass waren, wanderten wir einfach immer weiter. Wir kamen durch einen engen Canyon, der durch die tiefhängenden Wolken und die düstere Stimmung heute besonders mystisch aussah. Ortschaften gab es hier eh keine, denn aus sicherheitstechnischen Gründen waren diese nicht direkt im Tal neben dem Fluss, sondern immer oben auf den Berggipfeln errichtet worden. Rein optisch hätte man keine bessere Lage wählen können, aber um eine Rast zu machen waren sie nicht gerade ideal.

Nach knapp 20km trafen wir einen Radreisenden, der uns entgegen kam. Er stammte aus England, arbeitete in der Schweiz als Programmierer für die UNO und verbrachte hier seinen Urlaub um wieder einmal ein bisschen Abenteuer zu erleben. Seine Reise hatte in Orhid begonnen und von dort aus war er eine Runde durch die Flachebene und dann auf der anderen Seite durch das Gebirge gefahren. Als ich ihn fragte, ob auch er der Australierin begegnet war, meinte er lachend: „Verdammt, was ist denn dass bloß für eine mysteriöse Australierin, von der hier alle sprechen?“

Er selbst war ihr noch nicht begegnet, aber er hatte vor ein paar Tagen eine Gruppe mit deutschen Reisenden getroffen, die ihm auch von der Dame erzählt hatten.

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Der Canyon wie auch der See, an dem das Dorf vom Vortag gelegen war gehörten zu einem Nationalpark, der bereits Kilometer zuvor mit großen Schildern und Plakaten angekündigt wurde. „Unberührtes Mazedonien“ hieß es darauf, doch mit Ausnahme besagter Schilder unterschied sich das Land hier kaum von dem außerhalb des Parks. Die Landschaft war ohne jeden Zweifel wunderschön und absolut schützenswert, doch für meine Begriffe bedeutete Nationalpark, dass man das Gebiet dann auch wirklich schützte. Hier bedeutete es jedoch, dass man einige Hauptstraßen hindurchbaute und überall im Gelände jede Menge Müll verteilte. Mazedonien war was die Müllpolitik anbelangte sogar noch krasser als der Kosovo.

Der Canyon schien endlos. Es war, als wären wir auf der regennassen Straße in ein schmales Tal geraten, das uns weit über den Rand der Welt hinausbringen würde. Aber wenn wir schon den Rest unseres Lebens hier wandernd verbringen mussten, dann musste man doch sagen, dass es kein übler Ort dafür war. Zumindest, wenn man davon absah, dass uns langsam die Nahrungsreserven und nach ihnen die Energiereserven ausgingen. Das einzige, was nach knapp 30km auftauchte, war eine Tankstelle, an der wir ein kleines Paket Nüsse ergattern konnten.

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Schließlich kamen wir an eine Kreuzung, von der links und rechts jeweils ein kleines Dorf abging. Beide lagen auf den Bergen, aber nicht ganz so hoch wie die Dörfer zuvor. Wir entschieden uns nach einiger Überlegung für die rechte Seite und zelteten auf dem Parkplatz eines Hotels. Eigentlich hatten wir gehofft, vielleicht im Hotel schlafen zu können, doch der einzige, den wir dort antrafen war ein großer, gelangweilter Hund, der ununterbrochen kläffte, um sich die Zeit zu vertreiben.

Nachdem wir alles aufgebaut hatten war es bereits kurz vor der Abenddämmerung. Der Regen hatte inzwischen aufgehört, aber es war noch immer bewölkt und so brauchten wir uns keine großen Hoffnungen auf Solarstom zu machen. An Berichte schreiben war also nicht zu denken.

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Für´s Abendessen musste ich den Berg komplett hinaufsteigen, denn das eigentliche Dorf lag auf dem Gipfel. Dort traf ich einen Mann, der mir auf meine Bitte hin zwei Bonbons gab. Irgendwie sah er dann wohl selbst ein, dass davon niemand satt werden konnte und bat mich deshalb, ihn zu begleiten. In einer Garage eines Nachbarn gab es einen kleinen Dorfladen, in dem jeder einkaufen und dann selbst das Geld in die Kasse legen konnte. Ich durfte mir hier einiges aussuchen, was ein bisschen problematisch war, weil es tatsächlich nur Kekse und Süßgetränke gab. Dafür aber jede Menge Shampoos und Waschmittel.

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Am nächsten Morgen war es zwar trocken aber unglaublich kalt. Die Sonne versteckte sich noch weit hinter den hohen Bergen und konnte somit nicht mit wärmenden Sonnenstrahlen aufwarten. Dafür hatte sich aber unser Parkplatz in eine rutschige Schlammwüste verwandelt, die an allem kleben blieb, was mit ihr in Kontakt kam.

De Himmel war nun strahlen blau, doch noch ehe die Sonne über den Berggipfeln erschien war er bereits wieder mit einem dichten Gittermuster aus Chemtrails übersäht. Bis zum Mittag sollte er sich komplett wieder zuziehen. Was immer die Wetter-Manipulatoren auch vor hatten, große Wanderfreunde konnten sie nicht sein.

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Die Landschaft war auch heute wieder wunderschön, wenn es einem gelang sie unter dem Müll zu entdecken. Nach einigen Kilometern öffnete sich der Canyon etwas und teilte sich in zwei verschiedene Wege. Unsere Seite ging dann in ein breiteres Tal über, das von einem Stausee dominiert wurde. Auf einer Uferseite trat an mehreren Stellen heißer Schwefeldampf aus dem Boden und es gab einige heiße Quellen, aus denen das Wasser in den See floss. Leider war es die Uferseite, auf der wir uns nicht befanden. Sonst hätten wir uns die Chance auf ein heißes Bad nicht entgehen lassen.

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Hinter dem Stausee führte sie Straße dann ein gutes Stück steil den Berg hinauf bis zu einer Stadt namens Gebar. Kurz vor ihren Toren kamen wir an das Kloster St. Baptiste. Es war sozusagen die Freuenniederlassung des Klosters, das gestern irgendwo auf halber Strecke oben auf einem Berggipfel gelegen hatte. Es war ein prunkvolles Bauwerk, das dazu gerade noch festlich herausgeputzt wurde. Unter anderen Umständen hätten wir die Nacht hier verbringen dürfen, doch ausgerechnet heute fand hinter den Klostermauern ein großes Fest statt, für das Menschen aus aller Welt angereist kamen. Jedes einzelne Zimmer war ausgebucht und sogar die Nonnen hatten Gäste mit in ihre Privatquartiere aufgenommen.

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Auffällig war, dass das Kloster wie auch das in Ostrog in erster Linie touristischen Zwecken diente. Es war schön gelegen und sah außerdem noch gut aus, daher bot es sich als Repräsentationsort der orthodoxen Kirche natürlich auch sehr gut an. Anders als in den vielen abgelegenen Klöstern, die fast immer nur mit wenigen, sehr alten Brüdern oder Schwestern besetzt waren, lebten hier vor allem junge Nonnen die ein Bild vom Klosterleben vermittelten, das so wahrscheinlich nicht allzu repräsentativ war. Es erinnerte uns sehr stark an Vézeley, Rom, Assisi, Fátima und Santiago. Es mochten unterschiedliche Kirchen sein, doch die Tricks mit denen sie arbeiteten waren die selben. Warum auch nicht, sie schienen ja zu funktionieren.

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Anders als das Kloster entpuppte sich die nahegelegene Stadt als ganz und gar nicht sehenswert. Sie lag auf einem Hochplateau direkt über einem Tal mit gleich zwei Stauseen und hatte somit die Idealvoraussetzungen, um ein schöner Ort zu werden. Doch man hatte sich alle Mühe gegeben, dies zu verhindern. Die Stadt war ein Schandfleck, voller Müll, Dreck und Betonbunker, die sogar für den Begriff Bausünde eine Beleidigung waren. Wieso hatten Menschen nur immer wieder den Drang, es sich selbst so unangenehm wie möglich zu machen, sogar wenn es so unglaublich einfach war, etwas Schönes zu erschaffen?

Zum Glück passierten wir die Stadt nur am Rande. Zunächst fühlte es sich zwar nicht so an, aber als wir kurze Zeit später über die Staumauer hinweg auf die andere Seite des Tals und dort wieder auf die Berge gestiegen waren, konnten wir einen Blick aus der Vogelperspektive auf die Stadt werfen. Erst jetzt erkannten wir ihre unglaubliche Größe und das machte sie kein bisschen sympathischer.

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Die Staumauer, die sich unterhalb der Stadt befand teilte das Tal in zwei Hälften. Eine davon war noch immer ein Tal, die zweite war nun der See. Es war ein riesiges Gebiet, das hier überflutet worden war. Klar sah auch der See ganz Chic aus aber die ursprünglichen Bewohner dieses Tals werden sich wohl nicht allzu sehr über die Staubauer gefreut haben. Dennoch hätte man den Aufwand und die Zerstörung vielleicht noch irgendwo eingesehen, wenn man einen Nutzen in diesem Projekt erkannt hätte. Doch die Turbinen, die unten in der Staumauer steckten leiteten den Strom gleich nebenan zu einem Umspannwerk. Und von dort gingen gerade einmal vier hauchdünne Leitungen weg, die eher an Telefonkabel denn an Hochspannungsleitungen erinnerten. Wenn das alles war, was dieses Wasserkraftwerk hergab, dann war es mehr als nur erbärmlich.

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Nach weiteren acht Kilometern erreichten wir ein kleines Dorf. Es musste hier irgendeine Art von Feiertag gewesen sein, denn alle waren irgendwie aufgedreht und aus dem Häuschen. Unmengen an Kindern spielten in den Straßen, doch obwohl auch dieses Dorf von Albanern bewohnt war, verhielten sie sich gänzlich anders als im Kosovo. Der respektvolle Umgang mit Fremden, der uns dort bei ihnen so gut gefallen hat, fehlte hier völlig. Sie plärrten, schrien uns hinterher, wollten alles begrabbeln und verhielten sich insgesamt so, dass wir nur noch das Ziel hatten, so schnell wie möglich wieder aus dem Ort rauszukommen. Wir schlugen unser Zelt ein paar hundert Meter außerhalb auf einem versteckten Feld auf. Die anschließende Nahrungssuche verlief optimal, doch da wir noch immer keine Sonne und auch keinen Strom mehr hatten, musste ich noch einmal ins Dorf zurückkehren um eine Steckdose zu finden. Ich hätte nicht gedacht, dass dies so viel schwerer sein könnte. Meine Nahrungsspender waren inzwischen ausgegangen und stattdessen traf ich nur ihre Nachbarn. Es handelte sich um eine Gruppe Jugendliche, die mir auf ihre Art zwar wohl auch irgendwie helfen wollten, die ich jedoch nicht richtig verstand. Das laute Anschreien in der Art von „Ey! Du! Was willste? Komm her! Hast du Problem oder was?“ kam bei mir einfach nicht freundlich an, auch wenn es wahrscheinlich so gemeint war.

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Schließlich fand ich einen Opa, der mir einen Platz in seiner Garage anbot, in der es eine Steckdose hinter einem verstaubten Ölfass gab. Nach einer halben Stunde kam er zu mir und warf mich wieder raus. Es könne ja nicht angehen, dass ich den ganzen Tag hier verbrachte. Wenn ich Strom brauchte, dann sollte ich doch die fünf Kilometer in den Nachbarort laufen und dort bei der Polizeidienststelle fragen. Die könnten mir sicher weiterhelfen. Manchmal verstand ich die Menschen hier einfach nicht.

 

 

Spruch des Tages: Wer ist nur diese mysteriöse Australierin, von der hier alle Sprechen?

 

Höhenmeter: 390 m

Tagesetappe: 25 km

Gesamtstrecke: 12.510,27 km

Wetter: herliches Herbstwetter, nachts saukalt bei 3-4°C

Etappenziel: Cappucciner-Kloster, 87055 San Giovanni in Fiore, Italien

Hier könnt ihr unser und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

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