Das Lama schaut neugierig in die Kamera.

Tag 1439 bis 1441: Wieder alles offen

31.10.2017 – 03.11.2017

In Sachen Luxusschlafplatz haben wir heute einen neuen Tiefpunkt erreicht. Nach mehreren Absagen und einer recht unerfreulichen Aktion, bei der mich ein Anwohner mit dem Auto 2,5km zum Haus des Bürgermeisters mitnahm und dann wegfuhr so dass ich plötzlich mitten im Nirgendwo stand, war das beste Angebot, das wir bekommen konnten ein kleiner, unbeheizter Saal über dem Büro des Wasseramtes. Es gab hier weder Internet noch eine Toilette und erst recht keinen zweiten Rum, in dem ich nachts hätte Arbeiten können. Stattdessen versuchte ich, mir einen Arbeitsplatz an einem Schreibtisch im hintersten Eck aufzubauen, was sich jedoch als äußerst ineffektiv erwies. Letztlich verbrachte ich meine Nacht daher immer im Wechsel damit, im Liegen, im Sitzen und im Stehen zu schlafen.

weißer Stier

weißer Stier

Auch sonst zählten die letzten Tage nicht unbedingt zu den erfolgreichsten in meinem Leben, wenngleich sie sich im Nachhinein als eine Art Schwungbringer für die nächste Zeit. Entpuppten. Seit Schottland hinkte ich ja noch immer sehr stark mit den Berichten und auch mit vielen anderen Aufgaben hinterher. Obwohl ich nun theoretisch auch noch die kompletten Nächte zur Verfügung hatte, wollte trotzdem einfach nichts so richtig vorangehen. Immer wieder kamen mit meine Langsamkeit und meine schier unüberwindbare Müdigkeit in den Weg, die mich teilweise über Stunden hinweg lahmlegten. Es machte also den Anschein, als wäre ich trotz alle Bemühungen und trotz all der zusätzlichen Zeit noch immer keinen Schritt weiter gekommen.

Mitten zwischen den Schäunen läuft ein Fluss hindurch

Mitten zwischen den Schäunen läuft ein Fluss hindurch.

Hinzu kamen nun noch andere offene Themen. Die Suchmaschinenoptimierung der Seite passte noch immer nicht und auch die Aufgaben an der Erlebnisseite schienen kein Ende zu nehmen. Sinnvoller Weise konzentrierte ich mich nun so sehr auf das Fehlen von Zeit, dass ich damit natürlich noch allerlei Situationen anzog, die fleißig ihren Anteil dazu beitrugen. Der Höhepunkt diesbezüglich fand vor zwei Tagen statt, als wir rund vier Stunden auf unseren Übernachtungsplatz warten mussten. Zunächst war das noch nicht weiter schlimm, denn die Sonne schien und wir konnten die Zeit im Freien zum Trainieren, Entspannen und Genießen nutzen.

HDR-Aufnahme einer Kirche von innen

HDR-Aufnahme einer Kirche von innen

Dann aber wurde es immer kälter und windiger und damit ging auch der Wohlfühlfaktor ein klein wenig verloren. Hinzu kam nun, dass wir von einem zum nächsten hin vertröstet wurden und als schließlich eigentlich alles passen sollte, war dann auch noch eine Gruppe in unserem Raum, die irgendwie niemand auf dem Schirm gehabt hatte.

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All dies spiegelte aber im Grunde nur wieder, was in mir selbst zurzeit alles abging. Ich verstand nicht genau, wie, aber ich schaffte es immer wieder, mir auf die sonderbarsten Arten selbst im Weg zu stehen.

Am Ende dieses Tages führte genau dieser Punkt zu einem größeren Streit zwischen Heiko und mir, der zwar zunächst heftig und unangenehm war, der aber auch viele verborgene Themen an die Oberfläche brachte und somit die Grundlage für einige Veränderungen es zeigte sich wieder einmal, dass gerade auch Spannungen wichtig sind, um voran zu kommen und um aus einem alten Trott aufzuwachen.

Die steinerne Kirche ist von dichtem Nebel umgeben.

Die steinerne Kirche ist von dichtem Nebel umgeben.

Dennoch wollte es auch in den nächsten Tagen zunächst nicht wirklich besser, sondern eher noch etwas schlechter werden. Die Gegend erwies sich als äußerst komplex, was das Auftreiben von Schlafplätzen anbelangte und so mussten wir zunächst einmal einen halben Marathon zurücklegen, bis wir kurz vor Einbruch der Dunkelheit in eine hoch moderne Rathaushalle eingeladen wurden. Der Platz schien Ideal, um endlich wieder einmal ein paar Dinge aufzuholen, zumal er über schnelles Internet und mehrere, separate Räume verfügte. Doch so sehr ich mich auch auf meine nächtlichen Aktivitäten freute, mein Körper machte mir dennoch einen Strich durch die Rechnung, indem er mich in einen Zustand der Erschöpfung fallen ließ, aus dem ich erst am frühen Morgen wieder erwachte. Vollkommen hektisch und in dem unsinnigen Glauben, nun in einer Stunde alles nachholen zu müssen, was ich in einer Nacht hätte tun sollen, wurden meine Handlungen so unkontrolliert, dass ich am Morgen sogar den Reißverschluss meines Hauptpacksacks zerstörte. Er war auch zuvor schon nicht mehr in Ordnung gewesen und ließ sich nur mit besonderer Vorsicht und spezieller Trick-Technik überhaupt noch schließen. Doch heute übertrieb ich es damit und brachte ihn so in eine Position, aus der er sich nicht mehr vor- oder zurückbewegen lassen wollte. All das Material in meinem Wagen lag damit nun ungeschützt im Freien. Glücklicherweise regnete es heute nicht, aber wir wussten natürlich nicht, wie sich das in den nächsten Tagen ändern würde.

Auch das Rathaus ist im Nebel kaum mehr erkennbar.

Auch das Rathaus ist im Nebel kaum mehr erkennbar.

Somit stand fest, dass eine Lösung her musste, und zwar schnell.

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Doch wie immer, wenn wir uns in solche Situationen brachten, tauchte am Ende des Tunnels sofort wieder ein Licht auf. Gegen Mittag erreichten wir ein kleines Dörfchen mit einem äußerst unfreundlichen Bürgermeister, dessen einziges Kommentar auf unsere Bitte um einen Schlafplatz so etwas lautete wie: „Da hinten wohnt ne Deutsche, belästigt die doch!“

Ein Industrielandwirt verteilt Spritzmittel auf seinen Feldern.

Ein Industrielandwirt verteilt Spritzmittel auf seinen Feldern.

Glücklicherweise handelte es sich bei besagter Dame um eine freundliche und offene Frau afrikanischen Ursprungs, die normalerweise in Berlin lebte, sich hier aber mit ihrem Mann eine Sommerresidenz aufgebaut hatte, in der sie nun einige Wochen verbrachte. Ihr Mann hatte nicht mitkommen können und auch von den Kindern war niemand dabei, weshalb das große Haus weitgehend leer stand und damit genug Platz für zwei Wanderer bot.

Pilgerwagenreparatur

Pilgerwagenreparatur

Ein improvisierter Pilgerwagen-Regenschutz

Ein improvisierter Pilgerwagen-Regenschutz

Neben einigen recht angeregten Gesprächen und gutem Essen, versorgte uns unsere Gastgeberin auch noch mit einer großen gelben Plane, aus der wir eine Art Regenmütze für meinen Wagen basteln konnten, die unsere Sachen bis auf weiteres schützen sollte. Ein kurzes Telefonat mit Ortlieb reichte zudem aus, um einen Ersatzpacksack zu bekommen, der in den nächsten Tagen nur noch seinen Weg zu uns finden musste. Man muss schon sagen, auch wenn die Packsäcke von Ortlieb immer mal wieder kleine Pannen oder Verschleißschwierigkeiten aufweisen, ihr Service ist einfach unübertroffen.

Eine einsame und verwinkelte Gasse

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Und nachdem nun alles soweit geklärt war, hatte ich endlich auch mal wieder eine produktive Nacht, in der ich so einiges nachholen konnte von dem, was sich in der letzten Zeit angesammelt hatte.

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Spruch des Tages: Es kommt anders als man denkt, aber am Ende wird es trotzdem immer alles gut.

Höhenmeter 6m / 16m / 60m

Tagesetappe: 7km / 12km / 16km

Gesamtstrecke: 27.138,27km

Wetter: Wind und Kälte, hin und wieder sogar etwas Sonne

Etappenziel 1: Katholisches Gemeindehaus, Kevelaer, Deutschland

Etappenziel 2: Gemeindehaus, Uedem, Deutschland

Etappenziel 3: Evangelisches Gemeindehaus, Xanten, Deutschland

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