Der innere Schrei nach angeblicher Gerechtigkeit hält und gefangen.

Tag 1278: Offene Rechnung

Lektion 12: Die offene Rechnung
Noch immer ist da das Gefühl einer unbeglichenen Rechnung.

Noch immer ist da das Gefühl einer unbeglichenen Rechnung.

Das Problem hinter der ganzen Geschichte war, dass ich noch immer das Gefühl hatte, ungerecht behandelt worden zu sein. Mein Verstand hatte begriffen, dass alles so war wie es sein sollte, dass es keine Fehler gab und das mein Leben genau so verlaufen war, wie ich es mir selbst als Gott geschrieben hatte. Meine Mutter war in dieser Geschichte nicht real, sondern lediglich ein Teil meiner eigenen Phantasie. Sie war ein Charakter, den ich mir selbst erschaffen hatte, um genau diese Lernschritte machen zu können. Somit konnte es so etwas wie Ungerechtigkeit natürlich nicht geben.

 

Dummerweise war die bislang nur ein Gedankenkonstrukt in meinem Kopf und hatte noch nichts mit meinen Gefühlen zu tun. Diese sagten mir noch immer, dass ich als Kind nicht so geliebt worden war, wie ich es verdient gehabt hätte. Meine Mutter schuldete mir also noch einen großen Berg Liebe, den sie mir in meinen Augen verweigert hatte. Und obwohl ich wusste, dass weder sie noch diese Rechnung real waren, konnte ich sie nicht loslassen und bestand darauf, sie beglichen zu bekommen.

Warum kann ich die Rechnung nicht loslassen?

Warum kann ich die Rechnung nicht loslassen? Designed by Jannoon028 / Freepik

Ich hatte das Gefühl, dass es hier einen Wert gab, der mir zustand und den ich ausgezahlt bekommen musste, damit hier wieder ein Gleichgewicht eintreten konnte. Hätte man diese Rechnung von verpasster Liebe auf Geld umrechnen wollen wäre der Rechnungsbetrag in meinem Fall etwa 10 Milliarden Euro gewesen. Shania, die das gleiche Thema ihren Eltern gegenüber hatte, gab ihrer Rechnung sogar eine Summe von 10 Billiarden Euro. Nun wurde auch klar, warum es uns so schwer fiel, dies loszulassen. Bislang hatte ich es nie verstanden, weil ich immer geglaubt hatte, dass es sich bei der offenen Rechnung rein um negative Bestandteile handelte. Nun wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass ich mir tatsächlich etwas davon versprach, so abstrakt das auch sein mochte. Ich war ein bisschen wie die zwielichtigen Bösewichter in den Schatzsucher-Filmen, die am Ende grundsätzlich starben, weil sie einen Schatz in den Händen hielten, den sie nicht loslassen konnten, obwohl alles um sie herum einstürzte.

Unterm Strick ist die Rechnung wertlos.

Unterm Strick ist die Rechnung wertlos.

Nur dass mein Schatz dabei nicht einmal einen Wert hatte. Es war, als würde ich mein Leben lang eine leere Tüte mit mir herum schleppen, die ich niemals abstellen konnte, weil ich glaubte, das vielleicht etwas Wertvolles darin sein könnte. Das Problem war auch hier wieder meine Unfähigkeit zu fühlen. Die Filme über meine Kindheit hatten mir gezeigt, dass Oberflächlichkeit das einzig wichtige im Leben war. Es kam nicht darauf an, wie etwas wirklich war, sondern nur, wie es nach außen hin wirkte. Dass es in meiner Familie stets um die aufrechterhaltung dieses Scheinbildes ging, war mir spätestens seit der Trennung von meinen Eltern und dem Versuch meiner Mutter klar, hier eine Scheinbeziehung aufzubauen, die rein auf Äußerlichkeiten bestand. Trotzdem hatte ich bis heute immer geglaubt, ein tiefsinniger Mensch zu sein, der sich eben nicht um Oberflächlichkeiten kümmerte. Wie aber hätte das funktionieren sollen? Das war ja gar nicht möglich. Wer englischsprachig aufwächst, der konnte kaum erwarten als Erwachsener plötzlich Französisch sprechen zu können. Ohne die Fähigkeit in die Tiefe zu blicken und zu fühlen, was sich hinter der Oberfläche befand, konnte ich mir aber nie sicher sein, ob meine Tüte leer war oder nicht. Das gleiche Problem hatte ich auch immer wieder bei der Suche nach einem Schlafplatz. Wenn wir in einen Ort kamen, spürte Heiko in der Regel sehr präzise, ob es Sinn machte hier nach einem Platz zu fragen oder nicht. Ich hingegen sah nichts weiter als einen Ort, in dem es einen oder mehrere verschiedene Räumlichkeiten gab, die infrage kommen würden. Die einzige Möglichkeit für mich herauszufinden, ob wir hier übernachten konnten oder nicht war es, die Verantwortlichen zu finden und zu fragen. Dadurch verlor ich natürlich oft Unmengen an Zeit, weil ich stets versucht war, alle Eventualitäten abzuklären. Und selbst wenn ich 90% er Möglichkeiten ausschließen konnte und beschloss, dass es besser war, weiter zu ziehen, ging ich meistens mit dem Gefühl, vielleicht doch eine Chance verpasst zu haben. Könnte ich hingegen meiner Intuition vertrauen und wüsste daher instinktiv, dass ein Ort uns nicht willkommen heißen würde, würde ich zum einen die Fragezeit einsparen und könnte zum anderen mit gutem Gefühl weiter ziehen.

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So war es auch mit der leeren Tüte meiner 10 Milliarden Euro Rechnung. Ich glaubte, dass es eine Illusion war, aber sicher war ich mir nicht und deswegen behielt ich sie vorsichtshalber noch ein bisschen länger in der Hand.

In Wahrheit ist die Tüte leer.

In Wahrheit ist die Tüte leer. Designed by dashu83 / Freepik

Damit wir trotzdem ein Gefühl dafür bekommen konnten, worum es ging, erklärte uns Heiko das Prinzip noch einmal anhand eines eigenen Beispiels.

Er selbst hatte die Tüte früher in Form seiner Stellung bei der Allianz in den Händen gehalten. Als einer der besten Verkäufer des Landes hatte er in diesem Beruf so gut verdient, dass er sich jedes Hobby leisten konnte, das er wollte und zeitgleich sogar noch eine eigene Wohnung abfinanzierte. Er wusste also, dass der Weg, den er hier eingeschlagen hatte, ein sicherer, luxuriöser und wohlhadender Weg war, auf dem er bis an sein Lebensende bequem bleiben konnte, ohne dass es ihm objektiv betrachtet an irgendetwas mangelte. Doch er spürte, dass es nicht sein Weg war. Er war verführerisch, hatte aber nichts mit ihm zu tun und würde ihn letztlich nur Krank machen. Also nahm er die Tüte, die in seinem Fall sogar prall gefüllt war und warf sie im hohen Bogen davon. Sein „Loslösungsritual“ war dabei der Schritt, die Allianzagentur aufzugeben und seinen Anteil daran an seinen Sozietätspartner zu verschenken, ohne ihm auch nur eine Sekunde nach zu trauern. Er konnte dies tun, weil er zu 100% wusste, dass er durch dieses Geschenk nichts verlor, sondern sein Leben reicher machte. Doch dies ging nur deshalb, weil er seiner Intuition vertrauen konnte. Uns hingegen fehlte noch immer die Klarheit um diese Sicherheit wirklich zu spüren. Also klammerten wir uns auch weiterhin an der Tüte fest, in der Hoffnung, dass sie uns vielleicht doch eines Tages irgendetwas bringen würde. Dabei war es aber nicht so, als gäbe es nicht ausreichend Hinweise, die uns die nötige Sicherheit geben würden. Wir nahmen sie nur nicht wahr oder erkannten sie nicht an, wodurch wir sie nicht nutzen konnten. In diesem Fall hatten Shania und ich jeweils ein anderes Prinzip, das uns von unserer Wegfindung abhielt.

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Shania war deutlich aufmerksamer und fokussierter als ich, weshalb sie die Hinweisschilder durchaus wahrnahm, wenn diese auftauchten. Sie erkannte auch, dass es Hinweisschilder waren und dass sie ihnen folgen sollte, doch sie hatte stets etwas an ihnen auszusetzen. Ihr eigener innerer Verwirrer flüsterte ihr stets so etwas zu wie: „Der Wegweise sieht doch nicht schön aus! Willst du wirklich auf ihn vertrauen? Komm schon, da kommt noch ein besserer!“

Die Hinweisschilder erkennen.

Die Hinweisschilder erkennen.

Ich hingegen war in Bezug auf die Schilder wie ein kleines Kind in Bezug auf sein Spielzeug. Auch ich nahm die Hinweise wahr, erkannte sie als Hinweise und wollte ihnen folgen. Doch dann tauchte immer etwas auf, das mich ablenkte, so dass ich schlicht den Faden verlor. „Oh, das ist dann also meine Lebensaufgabe! Ich muss nun nur noch… Hey, sieh mal da ist ja ein Laubfrosch! Wo der wohl hin hüpft? Ich glaube ich schaue ihn mir mal genauer an…“

Dieses Prinzip passierte mir am Tag sicher viele hundert Mal im Kleinen wie im Großen. Eigentlich wollte ich ja diese Tagesroutine einhalten, aber jetzt ist etwas dazwischen gekommen. Ich wollte gerade meine Wasserflasche auffüllen aber dann wurde ich abgelenkt und jetzt habe ich kein Wasser während der Reise. In Bezug auf Wandlungsschritte ist es natürlich noch bedeutend intensiver. Wie oft ich schon Dinge erkannt und verstanden habe, die kurz darauf einfach wieder aus meinem Bewusstsein verschwunden sind, dürfte nun auf keine Kuhhaut mehr passen.

Welcher Weg ist der richtige?

Welcher Weg ist der richtige?

So war es auch mit dem Wissen über die Irrealität der Geschichten über meine Kindheit und Jugend. Ich wusste, dass weder die Freunde von früher noch meine Eltern in meinem Leben real waren und dass es sich bei ihnen nur noch um Gedankenkonstrukte in meinem eigenen Kopf handelte. Trotzdem glaubte ich noch immer zu rund 50% dass meine Mutter real sei und zu 100% dass meine Freunde real wären. Obwohl ich all dies bereits einmal verstanden hatte, war ich durch die Ablenkung wieder dort hin zurückgekehrt und wollte nun noch immer die Anerkennung ergattern, die ich für angemessen hielt.

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Das zweite Problem, dass mir das erkennen der Hinweisschilder schwer machte war, dass ich in der Regel zu dicht davor stand. Ich konnte mich nicht oder nur schwer selbst mit Abstand betrachten, sondern biss mich immer wieder in Situationen fest und hoffte darauf, dass mich jemand wieder daraus befreite. Doch das passierte natürlich nicht. Stattdessen verplemperte ich Zeit, drehte mich im Kreis und ärgerte mich über mich selbst, um alles noch etwas schlimmer zu machen. Es ging also auch hier wieder darum, aufmerksam zu werden, zu erkennen, wann ich in diese Muster geriet und mich dann gezielt raus zunehmen und alles noch einmal mit Abstand zu betrachten.

Bereit für den nächsten Schritt?

Bereit für den nächsten Schritt?

So auch die aktuelle Situation. Meine Aufgabe war es, meinen Rücken einzuladen, das Ritual mit mir gemeinsam durchzuführen und ihm zu erklären dass er dadurch nicht bestraft oder zerstört, sondern gestärkt und geheilt wurde. In diesem Moment brachte ich kein Wort heraus und auch wenn wir an diesem Abend viele wichtige Themen erkennen und bearbeiten konnten, ging ich schließlich ins Bett, ohne mit meinem Rücken gesprochen zu haben. Ich ging also auch ins Bett, ohne für mich selbst geklärt zu haben, warum das Tattoo gerade entstand und welche Heilwirkungen es entfalten sollte. Dies wurde mir erst nach uns nach klar und zwei Tage später war ich dann schließlich bereit, das innere Gespräch zu meinem Rücken zu suchen und ihm zu erklären, was hier gerade mit ihm geschah…

Fortsetzung folgt…    

Höhenmeter: 630 m

Tagesetappe: 36 km

Gesamtstrecke: 23.503,27 km

Wetter: überwiegend trocken und windig

Etappenziel: Presbyterianische Kirche, Kenmore, Schottland

Hier könnt ihr uns und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

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