Tag 701: Die schöne Seite Mazedoniens

Ich weiß, ich habe bereits vor Tagen geschrieben, dass all unsere Sachen nass wurden und ich weiß, ich wiederhole mich damit. Aber die Nässe machte es ja auch. Immer wieder trocknete die Sonne alles ein bisschen an und wenn wir gerade das Gefühl bekamen, wir wären kurz vor einem neuen Trockenheitsrekord, fing es entweder zu regnen an, oder der Morgentau erledigte das übrige. Langsam wussten wir nicht einmal mehr, wie sich trockene Socken anfühlten und an die vier bis zehn zusätzlichen Kilo an Wasser im Zelt hatte Heiko sich bereits so sehr gewöhnt, dass er glaubte, das Zelt habe schon immer so viel gewogen. Doch nicht nur an unserem Material, sondern auch an uns selbst zerrte das permanente Draußen sein. Es war nun fast ein halbes Jahr her, seit wir das letzte Mal regelmäßige Indoorschlafplätze zur Verfügung hatten. Solange es Sommer war, war das kein Problem gewesen, doch die permanente Nasskälte führte dazu, dass wir immer häufiger Verspannungen und Rückenschmerzen bekamen. Unsere Muskeln Knochen sehnten sich danach, wieder einmal in einem Bett zu schlafen oder sich zumindest einmal wieder richtig entspannen und lockern zu können.

[AFG_gallery id=’63‘]

Aber genug gejammert.

Denn der Tag wurde großartig und langsam verstanden wir, was die großen Plakate mit der Naturschönheit in Mazedonien gemeint hatten. Der Nationalpark lag zwar längst hinter uns, doch der Canyon, den wir heute durchwanderten überraschte uns mit einem Naturschauspiel, das wir so bislang noch nicht gesehen hatten. Der Fluss hatte das Tal stufenförmig ausgewaschen und so ein Landschaftsbild erschaffen, das mit Worten kaum zu beschreiben ist. Zum Glück hatten wir ja unsere Kamera dabei, so dass ihr euch selbst einen Eindruck verschaffen könnt. Inmitten dieser einzigartigen Landschaft lebten ganze Heerscharen an Fischen, Wasservögeln und allen denkbaren anderen Tieren. Hautnah durften wir Kormoranen dabei zusehen, wie sie unter Wasser auf die Jagd gingen und anschließend ihr Gefieder am Ufer trockneten. Auch Graureiher ließen sich den Reichtum des Flusses schmecken und auf den abstrakten Felsformationen am Ufer saßen unzählige Raben und Krähen, die sich wie ein schwarzer Teppich aneinander drängten.

[AFG_gallery id=’64‘]

Schließlich verließen wir das Tal und gingen über einen schmalen Pass seitlich in einen weiteren Canyon ab. Von hier aus ging es dann über eine alte, verfallene Straße steil den Berg hinauf bis in ein winziges Dörfchen. Wir zelteten mitten im Ort hinter einem Maisfeld. Ungesehen blieben wir dabei nicht, aber nachdem jeder einmal geschaut hatte, wer wir sind und nachdem wir kurz erzählt hatten, warum wir da waren, ließ man uns in Frieden dort zelten. Als neue, stattlich anerkannte Maskottchen des Dorfes bekamen wir sogar im Handumdrehen genug zu essen für den Abend und den nächsten Morgen.

[AFG_gallery id=’65‘]

Kurz nach Sonnenaufgang setzten wir unsere Reise fort und stiegen weiter den Berg hinauf. Hinter dem Dorf wurde der Berghang immer steiler, doch die Straße verlief nun halbwegs parallel dazu. Hier oben war es nun so friedlich wie selten zuvor im ganzen Balkan. Die herbstliche Sonne schien auf uns herab und erfüllte uns mit angenehmer Wärme. Ein paar Vögel zwitscherten und der leichte Wind sorgte für ein leises Rauschen in den Bäumen. Sonst war es still. Kein Motorenknattern, keine Bohrmaschine und kein Freischneider. Wir hatten fast vergessen, wie angenehm das war. Rechts von uns erhob sich das felsige Massiv des Berges. Links von uns fiel der Hang steil in ein grünbewaldetes Tal hinab. So schön konnte die Welt sein, wenn man sie nur ließ. Es stimmte, was in den weisen Schriften geschrieben stand. Man musste nichts tun, um Glück oder Frieden zu erlangen. Man musste es einfach geschehen lassen. Der Frieden war bereits da und es war unsere aktive Arbeit, die verhinderte, dass wir ihn wahrnehmen konnten.

Mehr für dich:
Tag 861: Warum werden wir krank?

[AFG_gallery id=’66‘]

Unter einem kleinen Vordach machten wir ein Picknick um die Stille so ausgiebig zu genießen, wie es möglich war. Dann stiegen wir ins Tal hinab und gelangten in eine weitere Flachebene. Mit der Friedlichkeit war es nun vorbei. Sobald die Menschen die Chance hatten, eine Fläche zuzubauen, nutzten sie sie. Das war auch hier der Fall. Die natürliche Idylle wurde durch Straßen, Häuser, Autos und viel zu viele Menschen ersetzt. Doch auch hier fanden wir einen ruhigen Flecken Erde. In der Mitte zwischen der Autobahn und einer Schnellstraße gab es eine kleine Mulde in den Weinfeldern. Sie schirmte die Geräusche weitgehend ab und bot einiges an Sichtschutz. Außerdem gab es hier ein nahegelegenes Restaurant, dessen Besitzer uns seinen Internetzugang zur Verfügung stellte, damit wir unseren Weg durch Albanien heraussuchen konnten. Bis zur Grenze waren es nun nur noch rund 50 Kilometer.

[AFG_gallery id=’67‘]

Am nächsten Morgen durchquerten wir die Flachebene, bis wir auf der Gegenüberliegenden Seite an einen großen See gelangten. Die Städte und Dörfer wurden nun etwas schöner und auch nobler. Alles wirkte zusehends gepflegter und das permanente Gefühl, durch einen Slum zu wandern, verschwand allmählich. Jedenfalls bis wir Ohrid erreichten. Die größte Stadt am Ufer des gleichnamigen Sees war wohl auch die bekannteste von ganz Mazedonien und sie wurde uns als Touristenziel sowohl von der Australierin als auch von dem Radfahrer aus England empfohlen. Auf den ersten Blick konnten wir diese Empfehlung nicht nachvollziehen. Auf den zweiten auch nicht. Wir waren wieder im üblichen Großstadtsumpf angekommen, in dem die Menschen in grässlichen Plattenbauten wie Legehennen aneinander gepfercht worden waren. Die Hauseingänge waren mit Graffiti besprayed und vielerorts waren sogar die Scheiben eingeschlagen und die Türen zertreten. Es stank nach Abfall und Urin.

[AFG_gallery id=’68‘]

Dann aber kamen wir um eine Kurve und ohne jede Vorwarnung standen wir plötzlich mitten in einer ansehnlichen Altstadt. Über unseren Köpfen thronte eine alte Burg auf dem Gipfel eines kleinen Berges und vor uns lag eine Einkaufsstraße mit Fußgängerpassage und vielen kleinen Lädchen. Es gab Plätze, Restaurants, eine Uferpromenade und sogar einige alte Bauwerke, die wirklich schön und sehenswert waren.

[AFG_gallery id=’69‘]

Am Ufer mit Blick auf die Burg legten wir eine Pause ein und aßen den Rest der Brotzeit, die wir zuvor von einem freundlichen und großzügigen Ladenbesitzer bekommen hatten. Um uns herum wuselten die Touristen, die sich die Stadt und ihre Sehenswürdigkeiten anschauten. Sogar ein paar Deutsche waren darunter.

Wir kamen uns vor wie in einer fremden Welt. Alles erschien irgendwie unwirklich. Es war, als wären wir wie durch eine Art Schleuse in eine andere Dimension gelangt, die nichts mit dem Land zu tun hatte, das wir die letzten Tage durchwandern durften. War es nicht verrückt, dass die Touristen an diesen Ort kamen, sich hier das Zentrum und den See anschauten und anschließend glaubten, dies sei Mazedonien?

[AFG_gallery id=’70‘]

Als wir weiterwandern wollten, fielen uns im Wirrwarr der Spaziergänger zwei Männer auf, die aus der Masse hervorstachen. Sie hatten jeweils ein Rad mit einem Haufen Gepäck bei sich und wirkten, als wären sie auch schon eine ganze Weile unterwegs. Unsere Vermutung bestätigte sich, denn sie erzählten uns, dass sie aus Belgrad stammten und bereits seit einigen Wochen umherfuhren. Sie hatten sich erst auf dem Weg getroffen und reisten nicht die ganze Zeit zusammen, sondern immer nur für eine gewisse Zeit.

Mehr für dich:
Tag 213: Entscheidungen

Nach unserem Gespräch wurde es Zeit eine Entscheidung zu treffen. Zelten konnten wir hier nicht, auch wenn der Park eine ganz hervorragende Grünfläche besaß. Die Frage war also, ob es uns gelingen konnte, hier eine Herberge aufzutreiben, oder ob wir die Stadt wieder verlassen mussten. Im letzten Fall blühte uns wahrscheinlich eine Strecke von weiteren 28 Kilometern, denn wir mussten an einer Hauptstraße entlang, die sich direkt zwischen Seeufer und Berghang quetschte.

[AFG_gallery id=’71‘]

Doch wir hatten Glück. Etwas außerhalb des Zentrums an der Uferpromenade stießen wir auf ein Hotel, das von vornherein einen einladenden Eindruck machte. Ich weiß nicht warum es uns anzog, aber irgendwie hatten wir anders als bei allen anderen ein gutes Gefühl dazu. Es hieß Hotel Villa Dea und wurde von einem Mann gefüht, der Hauptberuflich Arzt war. Als ihm seine Mitarbeiterin unsere Werbepartnerschaft anbot, sagte er zu und ließ uns ein kleines Zimmer im ersten Stock geben. Als er sich jedoch später mit uns unterhielt, war er sogar so begeistert, dass er uns gleich die größte Suite des Hauses zur Verfügung stellte. Nach so langer Zeit im Freien, was das ein wahrer Segen.

[AFG_gallery id=’72‘]

Gestärkt und erholt verließen wir die Stadt am nächsten Morgen entlang des Seeufers. Die Stadtverwaltung hatte hier keine Mühen und EU-finanzierten Kosten gescheut, um den Touristen eine richtige Uferpromenade zu kreieren, auf der sie noch weit hinaus bis hinter die Stadtgrenzen zu den Hotel schlendern konnten. Dann endete die Promenade und wir wurden von ihr wieder auf die Hauptstraße gespuckt. Glücklicherweise war hinter der Stadt kaum noch Verkehr, denn anscheinend gab es nur wenig Menschen, die zur albanischen Grenze oder von ihr zurück wollten.

[AFG_gallery id=’73‘]

In einem kleinen Örtchen trafen wir auf ein ungleiches Paar, das mit Rucksäcken umherreiste. Sie schienen das perfekte Gegenstück zu dem Pilgerpaar zu sein, von dem wir vor gut einem Jahr am Camino del Norte gehört hatten. Das Paar, bei dem der Mann die Frau alles tragen und sich in den Herbergen dann von ihr verwöhnen und bekochen ließ, meine ich. Bei diesem Pärchen hatte hingegen eindeutig er den schwarzen Peter gezogen. Während sie nur einen kleinen Tagesrucksack trug, der auch eine Handtasche mit Trägern hätte sein können, schleppte der arme Kerl einen Sack auf dem Rücken, der sogar unseren Wagen Konkurrenz machte. Kein Wunder, denn er musste ja gleich das Gepäck für zwei Personen unterbringen. Bei so einer Aufteilung hätte man vermuten können, dass die beiden in einer schweren Verliebtheitsphase steckten, die zumindest ihn blind machte. Doch dafür gab es keine Anzeichen. Überhaupt schien es keine wirkliche Nähe zwischen den beiden zugeben. Abgesehen vielleicht von gelegentlichen Schlenkern, die der junge Mann machte, weil ihn sein Rucksack aus dem Gleichgewicht brachte.

[AFG_gallery id=’74‘]

Je weiter wir der Straße folgten, desto steiler wurde das Ufer. Am Ende mussten wir uns wieder über Serpentinen den Berg hinaufschrauben, bis wir zu einem Pass kamen. Danach fiel die Straße wieder steil bergab und führte durch ein kleines Dorf hindurch direkt zum Ufer zurück.

[AFG_gallery id=’78‘]

Das Dorf war das letzte vor der Grenze und gleichzeitig auch unsere einzige Möglichkeit, uns für heute mit Wasser und Nahrung zu versorgen. Heiko hielt neben einem kleinen Lädchen die Stellung während ich mich auf den Weg durch die Ortschaft machte. Beide machten wir dabei jedoch die gleichen, unheimlichen Erfahrungen. Ich weiß nicht was in diesem Dorf los war, aber mit rechten Dingen ging es dort sicher nicht zu. Es schien das Dorf zu sein, das Verrückte macht. Oder aber das Dorf, in dem alle Verrückten unterkamen, die Mazedonien zu bieten hatte. Das erste Haus an dem ich klopfte, gehörte zu einer alten Frau. Sie saß in der Garage und putzte Paprika. Als ich sie fragte, ob sie uns etwas zu Essen geben könne, lächelte sie und sagte ja. Sie machte jedoch keine Anstalten, ihre Arbeit zu unterbrechen. Vier Mal fragte ich nach und jedes Mal bestätigte sie ihre Bereitschaft zur Unterstützung. Doch sie rührte sich keinen Milimeter und es sah auch nicht aus, als würde sie es jemals tun. Im Nachhinein bin ich mir nicht einmal mehr sicher, ob sie überhaupt jemals etwas anderes tat. Sie wirkte, als würde sie schon ihr ganzes Leben genau so dasitzen und Paprika putzen.

Mehr für dich:
Tag 376: Die Vorteile von Plastikgeschirr

[AFG_gallery id=’75‘]

Mein nächster Versuch verlief nicht viel besser. Ich geriet dabei an einen zahnlosen alten Mann, der mich reglos anstarrte, so als wäre er eine Salzsäule. Ich brachte es nicht einmal zustande, ihn überhaupt um etwas zu bitten, denn sein Anblick verschlug mir die Sprache. So ging es weiter uns selbst bei den Häusern an denen ich etwas bekam, hatte ich immer ein komisches Gefühl. Eine Frau, die in einem Haus mit winzigen Türen und einer winzigen Hofeinfahrt lebte, hielt mir einen zehnminütigen Vortrag darüber, wie arm sie uns ihr Land seien und dass sie mir unmöglich etwas geben könne. Als ich es endlich schaffte, ihr verständlich zu machen, dass ich das gut nachvollziehen konnte und mich von ihr verabschiedete, hielt sie mich zurück, verschwand im Haus und brachte mir eine Tüte mit Brot und Eiern. Jetzt verstand ich überhaupt nichts mehr.

[AFG_gallery id=’76‘]

Noch ehe ich Heiko von meinen Erfahrungen erzählen konnte, platzte es aus ihm heraus: „Wir müssen hier unbedingt verschwinden! Dieses Dorf macht mir Angst. Die Menschen hier sind einfach unheimlich!“

Zunächst hatte es bei ihm noch relativ harmlos angefangen, mit einem jungen Pärchen, dass sich einige Meter von ihm entfernt an einen Tisch gesetzt hatte, um ihn unentwegt zu beobachten. Dann war ein Mann mit zotteligen, verfilzten Haaren und einem ebenso zotteligen Bart gekommen. Er war immer im Kreis um Heiko herumgegangen und hatte dabei unentwegt „Belo, Belo!“ gesagt. Ob das Dorf vielleicht irgendwie verflucht wurde?

[AFG_gallery id=’77‘]

Wir waren jedenfalls froh, als wir es verlassen und auf einer Weide unterhalb der Häuser unser Zelt aufschlagen konnten. Gut versteckt hinter ein paar Büschen. Sicher ist sicher.

 

Spruch des Tages: Kann man wirklich von einer einzigen Touristenstadt auf ein ganzes Land schließen?

 

Höhenmeter: 50 m

Tagesetappe: 15 km

Gesamtstrecke: 12.525,27 km

Wetter: sonnig aber kühl

Etappenziel: Altes Schulgebäude, 88833 Cerenzia, Italien

Hier könnt ihr unser und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

(Bereits 28 mal gelesen, heute 2 mal)

Bewertungen:

 
2 Kommentare
  1. Kai
    Kai says:

    Hi Tobi, habe gerade zusammen mit Eike deinen Eintrag 701 gelesen; ich bin zu sehr mit mir selbst beschäftigt, dass ich alle 700 vorher gelesen hätte – es waren ein paar dutzend.
    Von jetzt an werde ich regelmäßiger lesen, Eike hatte mir empfohlen der Einstieg wäre jetzt ganz gut. Von der Episode vorher zu dritt wurde mir erzählt. 😉
    Schön zu sehen, dass es dir verhältnismäßig gut geht! Schreibe dir eine Mail was hier los war.
    Liebe Grüße,
    Kai (und Eike 😉 )

    Antworten

Dein Kommentar

Want to join the discussion?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.