Tag 1239: Konstruktiv Feiern

Fortsetzung von Tag 123

Im Kopf gingen wir noch einmal unsere früheren Erfahrungen mit dem Feiern durch, bzw. die Situationen, an die wir uns in dieser Hinsicht zu erinnern glaubten.

 

Wann schadet und das Feiern

Feiern bedeutete stets, faul und unproduktiv zu sein, und das gleich in mehrfacher Hinsicht. Die Zeit, die man fürs feiern nutzte, war verschwendet. Sie brachte einem nichts, oft nicht einmal Spaß, führte aber dazu, dass man sich selbst damit zerstörte. Nach einer Feier fühlt man sich ausgelaugt, müde und kaputt und meist braucht man einen ganzen Tag um wieder auf die Beine zu kommen. Man hat einen Tinnitus wegen der lauten Musik, holt sich einen Schnupfen, weil man in der Kälte auf den Zug warten musste. Man ist verspannt, verkrampft, verkatert. Feiern bedeutet Geldverschwendung. Es ist immer ein Minusgeschäft. Nur wenn man sich zuvor mit der Arbeit kaputt gemacht hat, um ausreichend Geld zu bekommen, kann man sich das Feiern überhaupt leisten. Feiern hat immer etwas mit Verbiegen zu tun, damit nicht der sein zu können, der man eigentlich ist. Man muss sich aufbretseln und etwas darstellen, das man nicht ist. Man muss sich verbiegen, um dazuzugehören. Und doch fühlt man sich dabei nie richtig wohl, weil man immer von Leuten umgeben ist, die man im Zwielicht der Abendbeleuchtung für schöner, besser und attraktiver hält. Auf der Party fällt mir erst auf, wie schlecht mein eigener Partner im Vergleich zu anderen gekleidet ist und wie viel schöner, lockerer, attraktiver, cooler und sympathischer diese anderen sind. Gleichzeitig merke ich natürlich auch, dass mein Partner das selbe denkt und dass auch ich mit der Konkurrenz nicht mithalten kann. Partys und Feiern waren also stets Orte, an denen wir Nutten, Versager, Aussätzige waren. Man ist umgeben von Leuten und dennoch allein. Man sieht vielleicht aus wie alle anderen und gehört dennoch nicht dazu. Feiern ist bei uns immer eine oberflächliche Angelegenheit. Es gibt keine Tiefe. Jeder wird automatisch auf das Äußere reduziert. Es bleibt nur der erste Eindruck. Was in einem Menschen steckt, ist hier nicht von belang. Ebenso wenig, wie die wahren Gefühle, die er gerade in sich trägt. Denn der Clou ist: Feiern wird bei uns als persé positiv angesehen. Feiern ist etwas, das Spaß macht, also hat auch jeder Spaß zu haben, der sich gerade am Feiern ist. Dies bedeutet jedoch nichts anderes, als jede Konsequenz und Zielgerichtetheit abgelegt wird. Normalerweise weiß man, was einem gefällt und was nicht, was einem gut tun und was nicht, was einem Energie gibt und was nicht. Beim Feiern macht man diese Entscheidung nicht. Hier hört man auf, streng zu sein und sich zu fragen, was einem wirklich gefällt. Man feiert einfach mit, lässt sich mitreißen, auch wenn man weiß, dass man es bereuen wird.

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Zerstörerisches Feiern

Feiern hat bei uns grundsätzlich etwas zerstörerisches. Eine gute Feier braucht Alkohol, was an sich schon zerstörerisch ist, um damit die eigenen Hemmschwellen außer Kraft zu setzen und über jede persönliche Grenze zu gehen. Feiern bedeutet Vandalismus, Agressivität, Schlägereien, Vergewaltigung, Unfälle, Zerstörung, Diebstähle. Feiern bedeutet also nicht, das zu ehren, was man aufgebaut hat, sondern es zu zerstören. Keine Phasen des Lebens sind so gefährlich wie Partys, wo einem jederzeit jemand eine Droge ins Getränk mischen, oder wo man durch reinen Zufall in eine Schlägerei geraten kann. Heiko erlebte seine erste Messerstecherei auf einer Party mit 13.

Da man selbst weiß, wie gefährlich und zerstörerisch eine Party sein kann, versetzt einen jede Party in den eigenen vier Wänden (oder denen der Eltern) in erhöhte Alarmbereitschaft. Feiern zu organisieren ist also immer anstrengend. Man muss immer aufmerksam sein, muss alles und jeden kontrollieren und darf sich selbst niemals fallen lassen. Was ist, wenn die Polizei käme? Wenn jemand aufs Sofa kotzt oder die Blumenvase zerstört? Was ist, wenn alles aus dem Ruder läuft? Ohne Stress, Angst und Aufregung geht es also nie, wie will ich mich da entspannen? Wie will ich genießen und wirklich feiern?

Feiern bedeutet auch, sein Geld zu verschwenden. Es ist immer teuer, immer überteuert. Es gibt stets einen, der alle anderen abzockt. 100€ Eintritt, nur um in den Club zu dürften. 9€ für 0,2l Wasser. Selbst wenn man viel Geld hat, fühlt man sich hier Arm und muss stets schauen, dass man sein Geld beisammen hält. Und selbst wenn man genug hat, bleibt doch stets das Gefühl, es hier vollkommen unnötig auszugeben. Doch das Geld macht hier noch mehr. Es schafft eine Party-Klassen-Gesellschaft, die bewusst ungerecht ist und Neid und Missgunst erzeugt. Man wird aufgrund der Kleidung und des Geldbeutels aussortiert und somit automatisch dazu angehalten, zu protzen, zu prollen und den Anschein zu erwecken als wäre man nicht der, der man ist. Und gerade dadurch sind Partys und Feiern wie ein Schwamm für unangenehme, dümmliche Zeitgenossen. Nirgendwo sonst findet man so viele Menschen, mit denen man nichts zu tun haben will auf einem Haufen.

Wenn man einen Partner hat, bedeutet feiern immer auch reines Fremdgehen. Nicht unbedingt physisch, aber gedanklich fast in jedem Fall. Oft führen Feiern deshalb zu Streit und nicht selten sind sie ein Trennungsgrund.

Feiern bedeutet aber oft auch Probleme mit den Eltern zu bekommen. Wenn man feiert, verärgert man damit automatisch jeden im Umkreis, und riskiert damit, dass einen niemand mehr gern hat. Gleichzieitg sind die Feiern oft auch frustrierend, vor allem wenn man sich davon Partnerschaften oder sexuelle Kontakte erhofft. Meist klappt hier überhaupt nichts und wenn, dann sind es in der Regel Menschen, die man nicht einmal mag und die man im ungünstigsten Fall nicht mehr los wird.

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Die Liste mit Gründen, warum einfach kein Positives Gefühl zum Feiern aufkommen will, wollte einfach kein Ende nehmen:

 

Unser gesellschaftliches Bild einer Feier

Peinlichkeiten, Übertreten von jeder Form der persönlichen Grenze, sowohl der eigenen, als auch der von anderen. Warum? Man trifft sich ja eh nicht wieder! Auf einer Feier kann man niemanden mit Tiefe kennen lernen, da es ja keine Tiefe in diesem Bereich gibt. Feiern ist vielleicht manchmal wild und ausgelassen, niemals aber gemütlich, wohlig und angenehm. Vielleicht ist dies einer der Gründe, warum fast alle Paare und auch die meisten Single irgendwann einmal aufhören, feiern zu wollen und stattdessen lieber einen Videoabend auf der heimischen Couch veranstalten. Aber auch dies ist nicht positiv belegt, da es stets einen Beigeschmack von Langweiligkeit, Spießigkeit und Trägheit vermittelt. In diesem Stadium versuchen wir nicht einmal mehr Spaß zu haben.

Fassen wir also noch einmal zusammen: Feiern wird bei uns grundsätzlich mit Alkohol gleichgesetzt, was eigentlich schon genug sagen sollte. Feiern sollte der Teil unseres Lebens sein, an dem wir am meisten genießen, also auch am meisten spüren und wahrnehmen können. Stattdessen aber benebeln wir unseren Geist und die Sinne, weil wir ganz bewusst nicht mitbekommen wollen, was wir uns hier antun. Das, was wir unter feiern verstehen ist ein Akt der Selbstzerstörung, um uns von dem abzulenken, mit dem wir uns im Alltag kaputt machen. Anstatt uns also nach getaner Arbeit durch das Feiern zu regenerieren, nutzen wir es, um uns ganz bewusst von der Regeneration abzuhalten. Ist es da ein Wunder, dass wir keinen positiven Bezug dazu haben? Wenn wir unter all diesen Aspekten noch einmal ehrlich zurück auf unsere Feier- und Partyzeit blickten, dann lagen wir locker bei 90% der Feiern, die keinen Spaß gemacht haben.

Partys und Wochenendveranstaltungen sind dabei natürlich relativ klare und deutliche Beispiele, aber das Prinzip ist auch bei den meisten Urlauben und selbst bei unserem normalen Feierabend identisch. Auch hier brauchen wir unser Feierabendbier um unsere Sinne einzutrüben und auch hier wollen wir nicht die Früchte unserer Arbeit feiern, sondern und einfach nur zerstreuen und ablenken, so dass wir niemals einen Schritt nach vorne tun müssen. Selbst das einfache Hören von Musik geht in genau diese Richtung. Sie ist heute nicht mehr darauf ausgelegt, unseren inneren Tackt zu unterstütßen, sondern dient ebenfalls der Zerstreuung und der Dishamonisierung.

Wie wir bereits vermutet hatten, kam bei den Muskeltests heraus, dass alles, aber auch wirklich alles, was wir bis Dato mit Feiern, Party, Musik etc. in Verbindung gebracht haben nicht real war. Diese Art des Feierns hat nichts mit echtem Feiern zu tun. Es diente nur als Film dazu, die Lust und den Willen fürs Feiern zu zerstören. Dazu gehört nicht nur das Feiern im Klassischen Sinne, sondern auch Heilen, denn dies ist ebenfalls eine Form des Früchte-Erntens. Auch Geld im Allgemeinen, ruhige und schöne Schlafplätze, ein eigenes Campermobil, glückliche Beziehung, und vieles mehr sind damit verbunden. Diese Verknüpfung führte bei allem, zu einem unterschwellig negativen Gefühl. Man weiß, dass Heilung gut, wichtig und sinnvoll ist, aber weil man immer dieses Gefühl damit in Verbindung bringt, will man es plötzlich nicht mehr. Der Gedanke an Heilung löst nun nicht mehr Freude und Leichtigkeit in einem aus, sondern Schwere, Anstrengung und Unbehagen.

Unsere Aufgabe für jetzt besteht also darin, diese Assoziation zu erkennen und uns bewusst zu machen, dass sie nur aufgrund von Filmen in uns erzeugt wurde, aber nicht real ist. Wenn es uns gelingt, wieder mit Freude feiern und ernten zu können, kann auch der Erfolg eintreten.

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Bis zu dem Zeitpunkt, an dem Shania unserer Herde komplett beitritt, ist es meine Aufgabe, der Wächter über das Ernten und Feiern zu werden. Zum einen nach innen für uns, so dass es nicht zu kurz kommt und wir stets darauf achten, dass wir uns auch hierfür genug Zeit nehmen. Zum anderen nach außen, als Pfleger und Erntehelfer für unsere Projekte. Hier gilt es, präsent zu bleiben und stets zu kontrollieren, was gerade schon fließt und was noch Starthilfe braucht. Wo muss nachgehakt werden? Wo brauchen die Menschen, die mit uns zusammenarbeiten technische, seelische oder moralische Unterstützung. Was brauchen die Bücher und Projekte, um wachsen und sich verbreiten zu können. Hier ist meine Lernaufgabe nun, darin eine Freude zu sehen und keine Verpflichtung, ebenso wie man sich über ein Kind freut, das man beim Aufwachsen begleiten darf.

Spruch des Tages: Wer das Leben nicht feiern kann, kann auch nichts erschaffen!

Höhenmeter: 180 m

Tagesetappe: 16 km

Gesamtstrecke: 22.686,27 km

Wetter: heiß, schwül und sonnig

Etappenziel: Methodisten-Kapelle, SY14 7JH Tallarn Green, Wales

Hier könnt ihr uns und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

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