Campbeltown ist die größte Stadt auf Kkentyre Island

Tag 1312: Die letzte Station in Schottland

25.07.2017
Sie können es einfach nicht! Mit Campbeltown haben wir ihnen noch einmal eine Chance gegeben und waren wirklich guter Dinge, hier ein gemütliches, kleines Fischer- und Hafenstädtchen vorzufinden, von dem man sagen konnte, dass man die Touristen verstand, die hier herkamen um es sich anzusehen. Doch mit Fischerromantik hatte Campbeltown leider nicht das geringste zu tun. Es wirkte viel mehr, als würde uns die britische Hauptinsel genauso verabschieden, wie sie und empfangen hatte. Genau wie Dover war auch Campbeltown eine düstere, graue Ansammlung an Betonbunkern und verfallenen Backsteinhäusern, von denen man sich nicht vorstellen konnte, das irgendjemand in ihnen leben wollte. Die Stimmung, die in der Stadt vorherrschte war düster, aggressiv und frustriert. Nahezu jeder Mensch schaute, als wäre ihm gerade der Teufel persönlich begegnet – und vor ihnen davon gelaufen!

Einsame Bucht vor Campbeltown

Eine der letzten einsamen Buchten vor Campbeltown

Wie üblich führten die Hauptstraßen mitten durch das Zentrum und wie üblich hatte man die größte von ihnen als Einkaufsmeile festgelegt.

Glücklicherweise bekamen wir trotz der äußeren Umstände ohne jedes Problem sofort einen Schlafplatz vom katholischen Pfarrer. Wenn uns die Pfarrer der katholischen Kirche in Irland genauso begegnen, dann wird das Leben dort ein Zuckerschlecken!

Unser letztes Picknick in Schottland

Unser letztes Picknick in Schottland

Der Platz selbst war seiner Umgebung durchaus angemessen, weshalb sich der Pfarrer sichtlich schämte, uns keinen besseren Ort anbieten zu können. Erst vor kurzem hatte man es geschafft, das leckende Dach zu flicken, doch die Feuchtigkeit, die in den letzten Jahren in das Gebäude eingedrungen war, wohnte hier noch immer. Der Schwarzschimmel an der Decke und den Wänden war so dicht, dass er fast ein Tapetenmuster hätte sein können. Ein bisschen gleichmäßiger und er hätte als Ikea-Wandtattoo durchgehen können. Der Spalt unter der Tür war groß genug um einen Pizzakarton hindurch zu schieben und eines der Fenster war notdürftig mit etwas Silikon und einer Plexiglasscheibe geflickt worden, um den großen Sprung zu verdecken, der sie zierte. Auf Tischen, Boden und Stühlen lag ein raffiniertes Muster aus weißen Punkten, bei denen es sich um Putzsplitter aus der herabbröselnden Decke handelte. Die Heizung leckte, so dass man ein Schälchen darunter gestellt hatte, das nun schon fast einen Eintrag als geschütztes Biosphärenreservat verdient hatte, denn die Pilzkulturen, die hier wuchsen, waren auf der Welt sicher einmalig. Das heißt, vielleicht waren sie mit denen verwandt, die im Wasserkocher gediehen, den man nach seiner letzten Benutzung vor drei Jahren nicht ausgeleert hatte. Auf dem Sofa klebte eine Warnung, dass man sich nicht darauf setzen sollte, da sie sich direkt unter einem einsturzgefährdeten Bereich der Zimmerdecke befand. Und die Toiletten hätte man in diesem Zustand in Bulgarien geschlossen, weil man sie für unzumutbar hielt. Aber ansonsten war es ein super Platz! Das beste, und das ist nicht ironisch gemeint, war, dass das Gebäude versteckt in einem Hinterhof lag, wo man nahezu nichts vom Straßenlärm und Stadttrubel mitbekam.

Eine Villa im Vorort von Campbeltown.

Eine Villa im Vorort von Campbeltown.

Von unserer extra-rustikalen Unterkunft aus, machten wir uns auf eine Hafenerkundung, um herauszufinden, von wo aus morgen unsere Fähre starten würde. Es war leicht zu finden und sollte also kein größeres Problem darstellen.

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Auf der Tour durch den Hafen kamen wir auch an einigen Fischerbooten vorbei und konnten zwei Seebären in gelben Regenhosen dabei zusehen, wie sie ihren Krebsfang sortierten. Es war ein durchaus verstörender Anblick, mit was für einer Routine und Gleichgültigkeit sie die noch lebenden Schalentiere in verschiedene Eimer oder zurück ins Meer warfen. Allein von dem, was wir in den wenigen Minuten mitbekamen, die wir im Hafen verbrachten, ließ sich sagen, dass sie rund 50% ihres Fanges sterbend ins Meer zurück warfen. Einen deutlichen Unterschied zwischen den Krebsten im „Zu-Verkaufen“-Eimer und denen, die über Bord geworfen wurden, konnte man nicht ausmachen. Die letzteren schienen entweder verletzt oder kleiner zu sein, als die anderen, was theoretisch kein großes Problem hätte sein dürfen, da sie ja eh weiterverarbeitet wurden. Doch für die Fischer ging es hier nicht um den Umgang mit einem Lebewesen, sondern rein um das Sortieren einer Ware, die ein Minimum an Profit einbringen musste, damit sich der Transport und die Weiterverarbeitung überhaupt rechneten. Theoretisch war es nicht neu für uns, dass so mit Meerestieren umgegangen wurde, aber es war doch noch einmal etwas anderes, ob man darüber las oder ob man es mit eigenen Augen sah.

Die Hafenstadt Campbeltown

Die Hafenstadt Campbeltown

Den Krebsfischern bei ihrer Arbeit zuzusehen weckte in uns auch noch einmal ein paar Überlegungen zu unserem unliebsamen Gast von gestern Abend. Wir hatten uns bereits während der Wanderung gefragt, warum wir so arg mit ihm in Resonanz gegangen waren und ihm am liebsten den Hals umgedreht hätten. Der Grund war gar nicht so sehr seine unverschämte Art oder das einfordern der geschenkten Lebensmittel gewesen, sondern viel mehr der Umstand, dass er uns vorschreiben sollte, wie wir zu leben hatten. Er war die Verkörperung einer moralischen Stimme, die sagte: „So wie ihr lebt ist es nicht richtig! Ihr braucht einen normalen Job und müsst auf normale weise Geld verdienen, damit ihr das Recht zum Leben habt!“

Der Fischerhafen von Campbeltown

Der Fischerhafen von Campbeltown

Doch was bedeutet das überhaupt? Ab wann sehen wir etwas al anständige Arbeit an und ab wann nicht? Uns fiel auf, dass es hier einige sehr klare Definitionen gab, die so lebensfeindlich und abstrakt waren, dass man sich durchaus noch einmal ernsthaft die Frage stellen sollte, wohin wir als Menschheit eigentlich gehen wollten.

Ein schottisches Fischerboot

Ein schottisches Fischerboot

Während der Mann in unser Quartier stürmte, war Heiko gerade dabei die aktuellen Bilder für die Homepage zu bearbeiten. Er war also mitten in eine intensive, kreative und zeitaufwändige Arbeit vertieft, aus der der Mann ihn heraus riss, um ihn aufzufordern, sich doch einfach einen Job zu suchen. Hätte Heiko nicht in einer Gemeindehalle gesessen, sondern in einem Foto-Atelier und wären die Bilder nicht für einen kostenlosen Blog sondern für eine bezahlte Auftragsarbeit gewesen, dann wäre die exakt gleiche Tätigkeit ein angemessener Beruf gewesen, gegen den niemand etwas hätte einwenden können. Nicht anders war es mit unserer täglichen Wanderung. Wären wir nicht für uns selbst unterwegs, sondern würden auf ähnliche Weise für einen Marathon oder die Olympischen Spiele trainieren, wäre das was wir tun nicht nur eine Arbeit, sondern auch noch eine verdammt gut bezahlte. Wenn ich als Fußballspieler sechs Stunden täglich mit meinem Training verbringe, dann bin ich ein Nationalheld, von dem man Sticker für Fotoalben und Fan-Tassen druckt. Verbringe ich die gleiche Zeit mit meinem Training, ohne einen Verein als Backround zu haben, bin ich ein fauler Sack, der nichts zu tun hat, als den Tag mit etwas Sport abzupimmeln.

Fischer bei der Arbeit

Fischer bei der Arbeit

Noch heftiger finde ich es in Bezug auf die Gemeinnützigkeit der Aktion. Arbeite ich offiziell für eine Organisation und treibe für sie Geld ein, dann ist dies nicht nur anerkannte Arbeit, sondern auch noch sehr Ehrenhaft und Verantwortlich. Selbst oder besser vor allem dann, wenn ich für eine große, angesehene Organisation wie das Rote Kreuz, den WWF oder die Krebsstiftung arbeite, die im Namen der Gemeinnützigkeit Geld anhäufen und mehr Schaden verursachen als verhindern. Baue ich hingegen ein eigenes Projekt auf, durch das Organisationen unterstützt werden, ohne dass ich selbst offiziell dafür arbeite und daher auch kein Geld bekomme, dann ist dies verwerflich und ich bin nichts weiter als ein lästiger Bettler. Wenn man sich nun noch einmal die Krebsfischer anschaut, dann scheint es für Arbeit noch eine weitere abstrakte Definition zu geben. Arbeiten tut man immer dann, wenn man eine Tätigkeit ausführt, die einem selbst und meist auch anderen Schaden zufügt. Das mag erst einmal komisch klingen, aber denkt noch einmal darüber nach. Wie viele von euch würden das, was sie auf der Arbeit tun auch dann noch machen, wenn es dafür kein Geld geben würde und sie auch keines bräuchten? Wie viele von euch sind wirklich aus vollem Herzen und mit voller Überzeugung bei ihrer Arbeit und sehen darin ihre Berufung? Und wie viele finden sich stattdessen in unangenehmen Räumen oder Orten wieder, sind Stress, Lärm, Hektik und Druck ausgesetzt, der sie auf Dauer auslaugt und zerstört?

Campbeltown ist vor allem ejn Umschlagplatz für Holz.

Campbeltown ist vor allem ejn Umschlagplatz für Holz.

Nächste Frage: Wie viele Jobs und Berufe tragen wirklich zu einer Verbesserung des Lebens und der Erdengemeinschaft bei? Oder schaden ihr zumindest nicht? Ein Pädagoge muss dafür sorgen, dass seine Schützlinge in die Norm der Gesellschaft gepresst werden, selbst wenn dadurch große Teile ihres Charakters und ihres wahren Selbsts verloren gehen. Ein Bauer sorgt durch die industriellen Methoden der Landbearbeitung dafür, dass große Lebensräume zerstört, Grundwasservorkommen vergiftet und unsere Lebensmittel immer Nährstoffärmer werden. Selbst eine einfache Verkäuferin baut ihren finanziellen Erfolg darauf auf, dass die Produkte, die sie verkauft von Billiglohnarbeitern hergestellt werden, die als moderne Sklaven ausgebeutet werden. Gleichzeitig steht sie selbst den ganzen Tag an einer lauten, piepsenden Kasse, was es nahezu unmöglich macht, so etwas wie innere Ruhe, Ausgeglichenheit und Entspannung zu verspüren. Auf diese Weise könnte man nun jeden Beruf durchgehen und würde kaum einen finden, der nicht dazu führt, dass man gegen die eigene Seele und/oder das Wohl unseres Planeten arbeiten muss. Das ist doch wert einmal hinterfragt zu werden, oder nicht?

Eine Dreizehenmöwe in Hagen,

Eine Dreizehenmöwe in Hagen,

Spannend ist auch, sich unter diesem Aspekt noch einmal die Wertigkeiten anzusehen, die wir den einzelnen Berufen geben. So hat das Ansehen eines Berufszweiges nichts mit seiner Nützlichkeit zu tun und auch nicht mit der Menge der tatsächlich geleisteten Arbeit. Dies wird hier in Schottland und England, noch einmal besonders deutlich, da es hier so viele vermögende Menschen gibt, die im Finanzwesen arbeiten. Während der talentierteste Handwerker, der mit seinem Geschick direkt und maßgeblich zur Verbesserung der Lebensqualität seiner Mitmenschen beiträgt, immer nur ein einfacher Arbeiter bleibt, ist jemand der beispielsweise mit Derivaten handelt, also irreale Geldgeschäfte mit Produkten macht, die ihm nicht einmal gehören, ein angesehenes Mitglied der Oberschicht. Allein der Umstand, dass er Geld verdient, sorgt dafür, dass man davon ausgeht, dass er anständig arbeitet. Selbst dann, wenn er mit seinen Geschäften tausende von Menschen ausbeutet und es sich auf ihren Rücken bequem macht.

Die Aufforderung des Mannes „Sucht euch einen Job!“ hatte also nichts mit der Sorge zu tun, dass wir auf Kosten anderer Leben könnten, denn das ist in unserer Gesellschaft vollkommen anerkannt und legitim. Es geht lediglich darum, dass man nicht frei leben darf und sich so aus dem System herauslöst. Denn dadurch stellte man plötzlich alles in Frage und das durfte nicht passieren.

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Spruch des Tages: Irland wir kommen!

Höhenmeter: 440 m

Tagesetappe: 32 km

Gesamtstrecke: 24.789,27 km

Wetter: Regen ohne Ende

Etappenziel: Pfarrhaus, Bosheen, New Ross, Co. Wexford, Irland

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